ZEIT ONLINE: Ein Mann schlägt seine Frau, und die vierjährige Tochter wird Zeugin dieser Liebeszerstörung. Sie muten Ihrem Publikum einiges zu.

Philip Gröning: Ich will den Zuschauer in den Zustand versetzen, der im Film behandelt wird. Er soll einem ermöglichen, in der eigenen Erfahrung zurückzugehen: sowohl in Erfahrungssplitter, die mit Zerstörung zu tun haben, als auch in den Liebestransfer, der eine Seele überhaupt entstehen lässt. Ich will nicht, dass man sich bloß klassisch mit einer Figur identifiziert.

ZEIT ONLINE: Auch formal fordern Sie uns: 59 Kapitel mit Schwarzfilm zwischen den Szenen – über fast drei Kinostunden.

Gröning: Der Film löst eine merkwürdige Trance aus. Hannes Bruun, mein Cutter, weiß genauso wenig wie ich, in welcher Reihe die Kapitel aufeinanderfolgen, obwohl wir zwei Jahre daran geschnitten haben. Die Bruchstücke der Erzählung setzt der Zuschauer selbst zusammen. Er entscheidet, wie er das innere Bild formt. Es ist wie bei einem Gemälde: Man betrachtet alle Details nacheinander, und dann bleibt ein Bild übrig.

ZEIT ONLINE: Sie haben große Anerkennung für Ihre Bildfindungen bekommen, viele Zuschauer fühlten aber durch Ihre strengen Kapiteleinteilungen gegängelt.

Gröning: Die Szenen sind so intensiv, dass der Zuschauer sich instinktiv abschotten würde, wenn er nicht zwischendurch diesen Raum hätte, den wir ihm geben. Ich trenne die Szenen, damit das Ganze wie ein sich bewegendes Mosaik erscheint. Natürlich ist das eine Zumutung, aber sie ist notwendig.

ZEIT ONLINE: Auch dass Sie in den Schwarzfilm immer ausdrücklich "Ende" und "Anfang" der durchnumerierten Kapitel einblenden?

Gröning: Wir haben kurz vor dem Mischen probiert, das wegzulassen. Es funktionierte nicht. Der Zuschauer wird zwar durch diese Ansage "Anfang" – "Ende" – "Zahl" rausgerissen, kann sich dadurch aber umso tiefer in die nächste Szene fallen lassen.

ZEIT ONLINE: Das Leben dieser jungen Familie – Uwe, Christine und die Tochter Clara – ist ungeheuer eng, räumlich wie psychologisch. Mit der Umwelt tritt sie kaum in Kontakt.

Gröning: Die Enge ist eine Folge des Gewaltverhältnisses. Ich habe monatelang Interviews mit Frauen – und auch Männern – gemacht, die in solchen Beziehungen leben. Die Frauen fliegen aus allen sozialen Kontakten raus.

Kino - "Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt) "Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt)

ZEIT ONLINE: Dass Sie Uwe als Kleinstadtpolizisten zeichnen: Ist das nicht etwas simpel? Hier der gesellschaftliche Gewaltkontext, dort die familiäre Gewalt?

Gröning: Uwes Beruf stand für mich von Anfang an fest. Ich habe dann viel recherchiert. Polizisten sind eher in einer Position der Ohnmacht. Zum Unfallort kommen sie, wenn es dort ganz still ist: Da liegen noch zwei Tote. Oder ein Reh. Solche Szenen bringen Ruhe in den Film. Was Uwe sonst kennzeichnet, ist ein unfassbarer Liebesmangel, eine Grundverlassenheit, die er sehr aggressiv weitergibt. Menschen können durchaus in bestimmtem Maß entscheiden, was sie von dem weitergeben, was sie empfangen haben:  Zerstörung oder Liebe. 

ZEIT ONLINE: Uwe, der schlagende Familienvater, wirkt manchmal, als sei er selbst ein Opfer. Nur: wessen Opfer?