Regisseur Philip Gröning"Natürlich ist das eine Zumutung. Aber notwendig"

In seinem Film "Die Frau des Polizisten" macht Philip Gröning die Zuschauer zu Zeugen häuslicher Gewalt. Im Interview spricht er über Täter, Opfer und seine Kindheit. von Jan Schulz-Ojala

ZEIT ONLINE: Ein Mann schlägt seine Frau, und die vierjährige Tochter wird Zeugin dieser Liebeszerstörung. Sie muten Ihrem Publikum einiges zu.

Philip Gröning: Ich will den Zuschauer in den Zustand versetzen, der im Film behandelt wird. Er soll einem ermöglichen, in der eigenen Erfahrung zurückzugehen: sowohl in Erfahrungssplitter, die mit Zerstörung zu tun haben, als auch in den Liebestransfer, der eine Seele überhaupt entstehen lässt. Ich will nicht, dass man sich bloß klassisch mit einer Figur identifiziert.

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ZEIT ONLINE: Auch formal fordern Sie uns: 59 Kapitel mit Schwarzfilm zwischen den Szenen – über fast drei Kinostunden.

Philipp Gröning

geboren 1959 in Düsseldorf, ist ein großer Seltenfilmer des deutschen Kinos. Anfang der achtziger Jahre studierte er an der Münchner Filmhochschule, Aufsehen erregte er 1992 mit der Polit-Satire Die Terroristen über ein geplantes Attentat auf Helmut Kohl. Acht Jahre später folgte sein mehrfach ausgezeichnetes Roadmovie L'amour, l'argent, l'amour und 2005 sein bislang größter Publikumserfolg: Die große Stille – ein dreistündiger Dokumentarfilm über das Leben im Mutterkloster des Kartäuserordens.

Gröning: Der Film löst eine merkwürdige Trance aus. Hannes Bruun, mein Cutter, weiß genauso wenig wie ich, in welcher Reihe die Kapitel aufeinanderfolgen, obwohl wir zwei Jahre daran geschnitten haben. Die Bruchstücke der Erzählung setzt der Zuschauer selbst zusammen. Er entscheidet, wie er das innere Bild formt. Es ist wie bei einem Gemälde: Man betrachtet alle Details nacheinander, und dann bleibt ein Bild übrig.

ZEIT ONLINE: Sie haben große Anerkennung für Ihre Bildfindungen bekommen, viele Zuschauer fühlten aber durch Ihre strengen Kapiteleinteilungen gegängelt.

Gröning: Die Szenen sind so intensiv, dass der Zuschauer sich instinktiv abschotten würde, wenn er nicht zwischendurch diesen Raum hätte, den wir ihm geben. Ich trenne die Szenen, damit das Ganze wie ein sich bewegendes Mosaik erscheint. Natürlich ist das eine Zumutung, aber sie ist notwendig.

ZEIT ONLINE: Auch dass Sie in den Schwarzfilm immer ausdrücklich "Ende" und "Anfang" der durchnumerierten Kapitel einblenden?

Gröning: Wir haben kurz vor dem Mischen probiert, das wegzulassen. Es funktionierte nicht. Der Zuschauer wird zwar durch diese Ansage "Anfang" – "Ende" – "Zahl" rausgerissen, kann sich dadurch aber umso tiefer in die nächste Szene fallen lassen.

ZEIT ONLINE: Das Leben dieser jungen Familie – Uwe, Christine und die Tochter Clara – ist ungeheuer eng, räumlich wie psychologisch. Mit der Umwelt tritt sie kaum in Kontakt.

Gröning: Die Enge ist eine Folge des Gewaltverhältnisses. Ich habe monatelang Interviews mit Frauen – und auch Männern – gemacht, die in solchen Beziehungen leben. Die Frauen fliegen aus allen sozialen Kontakten raus.

ZEIT ONLINE: Dass Sie Uwe als Kleinstadtpolizisten zeichnen: Ist das nicht etwas simpel? Hier der gesellschaftliche Gewaltkontext, dort die familiäre Gewalt?

Gröning: Uwes Beruf stand für mich von Anfang an fest. Ich habe dann viel recherchiert. Polizisten sind eher in einer Position der Ohnmacht. Zum Unfallort kommen sie, wenn es dort ganz still ist: Da liegen noch zwei Tote. Oder ein Reh. Solche Szenen bringen Ruhe in den Film. Was Uwe sonst kennzeichnet, ist ein unfassbarer Liebesmangel, eine Grundverlassenheit, die er sehr aggressiv weitergibt. Menschen können durchaus in bestimmtem Maß entscheiden, was sie von dem weitergeben, was sie empfangen haben:  Zerstörung oder Liebe. 

ZEIT ONLINE: Uwe, der schlagende Familienvater, wirkt manchmal, als sei er selbst ein Opfer. Nur: wessen Opfer?

Leserkommentare
  1. Freitag auf dem Lido gesehen, ohne zu wissen um was es ging. Habe den Titel gelesen Karte gekauft und rein ins Kino.

    War sehr anstrengend, Das Thema ist nicht gerade meins.
    Man weiß aber das es sowas gibt, das Frauen und manchmal auch Männer sich alles in einer Beziehung gefallen lassen. Inklusive Schläge und psychischen Terror. Der Film zeigt wenig davon aber sehr eindringlich.
    Fast drei Stunden war doch für einige Zuschauer einfach zu viel. Und die Kapitel 59. an der Zahl immer mit Anfang und Ende inklusive schwarzem Bild anzuzeigen, ob das sein musste bleibt dahin gestellt. Am Ende gab es für die Hauptdarsteller und dem Regisseur doch viel Applaus. Die Darsteller waren auch gut, auch die zwei kleinen Mädel, welches von beiden wann im Film zu sehen war kann man nicht sagen, halt Zwillinge, waren sehr gut. Bin gespannt wie der Film bei der Juri ankommt

  2. Ich kann diesem deutschen Aufarbeitungs-Kino nichts abgewinnen.

    Habe die ersten 30minuten des Filmes gesehen, musste dann aber raus und mich bei einer Zigarette erstmal beruhigen - Und das nicht, weil mir die Story jetzt so nahe ging.

    Vielmehr war es die mal wieder "typisch deutsche" Umsetzung, bei der man jeden Atemzug unerträglich genau hört und jedes Schmatzen und jeder Stöckelschuh penibel genau aufgezeichnet wird. Handwerklich mag der Tontechniker da gute Arbeit geleistet haben, der Regisseur setzt es aber dennoch abstoßend realistisch und fern jeglicher Fantasie in Szene.

    Klar, man könnte jetzt sagen, das war Absicht und die Geschichte dieses Filmes legt es sogar nahe, es so und nicht anders darzustellen.
    Ich denke aber, dieser Film ist symtomatisch für die meisten deutschen Produktionen: einfach unsexy!
    Den Machern fehlt es schlicht an Gespür für die einzelne Szene, für das Gesamtbild und nicht zuletzt auch für das Publikum.

    Diese "Eindringlichkeit" der Erzählung, wie die Zeit hier schreibt, scheint die einzige Stärke des deutschen Films zu sein - leider zieht das alleine kaum jemanden ins Kino.
    Für mich ist es kein Wunder, dass ohne Filmförderung hierzulande gar nichts ginge.

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    Intellektuell schwach wie Flasche leer findet er sein Publikum. „Die Szenen sind so intensiv, dass der Zuschauer sich instinktiv abschotten würde, wenn er nicht zwischendurch diesen Raum hätte, den wir ihm geben.“ „Der Zuschauer wird zwar durch diese Ansage "Anfang" – "Ende" – "Zahl" rausgerissen, kann sich dadurch aber umso tiefer in die nächste Szene fallen lassen.“ Gleichzeitig muss der gemeine Kinobesucher nach Grönings Dafürhalten reichlich abgestumpft sein, wenn eine Szene, die „Ruhe in den Film“ bringen soll, einen Unfallort zeigt, „wenn es dort ganz still ist: Da liegen noch zwei Tote. Oder ein Reh.“

    Und dann, Herr Schulz-Ojala, war da noch der „schlagende Familienvater“. Nach neuerer Definition ist der F. ein
    Vater, besonders im Hinblick auf die Fürsorge für seine Familie. (http://www.duden.de/recht...) Ein schlagender F. ist demnach keiner. Früher war ein F. das Familienoberhaupt, Besitzer von Gattin und Kindern. In Zeiten der Gleichberechtigung haben Wörter wie F., Stammhalter und Fräulein ein Geschmäckle.

    Ich habe fertig.

    • Jojas
    • 03. September 2013 0:07 Uhr

    "ZEIT ONLINE: Ein Mann schlägt seine Frau, und die vierjährige Tochter wird Zeugin dieser Liebeszerstörung. Sie muten Ihrem Publikum einiges zu.

    Philip Gröning: Ich will den Zuschauer in den Zustand versetzen, der im Film behandelt wird. Er soll einem ermöglichen, in der eigenen Erfahrung zurückzugehen: sowohl in Erfahrungssplitter, die mit Zerstörung zu tun haben, als auch in den Liebestransfer, der eine Seele überhaupt entstehen lässt. Ich will nicht, dass man sich bloß klassisch mit einer Figur identifiziert."

    Warum wird nach einer solchen Aussage nicht nachgefragt? Muß man wissen, was ein "Erfahrungssplitter" ist? Ich finde diesen Begriff höchst fragwürdig.
    Und was soll ein "Liebestransfer" sein? Warum lässt ein solcher eine "Seele entstehen"?

    Wenn man jemanden, der so etwas sagt, nicht darauf festnagelt, wie kann man dann als Leser entscheiden, ob er nicht einfach in zynischer Weise irgendwelchen esoterischen Mumpitz daherfaselt?

    5 Leserempfehlungen
  3. Intellektuell schwach wie Flasche leer findet er sein Publikum. „Die Szenen sind so intensiv, dass der Zuschauer sich instinktiv abschotten würde, wenn er nicht zwischendurch diesen Raum hätte, den wir ihm geben.“ „Der Zuschauer wird zwar durch diese Ansage "Anfang" – "Ende" – "Zahl" rausgerissen, kann sich dadurch aber umso tiefer in die nächste Szene fallen lassen.“ Gleichzeitig muss der gemeine Kinobesucher nach Grönings Dafürhalten reichlich abgestumpft sein, wenn eine Szene, die „Ruhe in den Film“ bringen soll, einen Unfallort zeigt, „wenn es dort ganz still ist: Da liegen noch zwei Tote. Oder ein Reh.“

    Und dann, Herr Schulz-Ojala, war da noch der „schlagende Familienvater“. Nach neuerer Definition ist der F. ein
    Vater, besonders im Hinblick auf die Fürsorge für seine Familie. (http://www.duden.de/recht...) Ein schlagender F. ist demnach keiner. Früher war ein F. das Familienoberhaupt, Besitzer von Gattin und Kindern. In Zeiten der Gleichberechtigung haben Wörter wie F., Stammhalter und Fräulein ein Geschmäckle.

    Ich habe fertig.

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    Antwort auf "Ungewollt unsexy"
  4. sorry, aber FIlm Nummer eintausendachthundertundsieben über das Thema "Gewalt=Mann schägt Frau".

    Liebe Filmschaffenden, das ist alter Kram von vorgestern, Gewalt im Zusammenleben ist nicht auf ein bestimmtes Geschlecht fixert, auch wenn Männer dies immer eingeredet wird. Sicher, Männer werden seltener Opfer reiner körperlicher Gewalt ( aber selbst das ist häufig genug anzutreffen ) Frauen verstehen es eher auf der emotionalen, Psychischen Seite Gewalt auszuüben, welche den Vorteil hat, dass man sie nicht durch blaue Flecken erkennen kann.

    Ich glaube, ich habe noch keinen Film gesehen, in denen genau dieses Gewaltenbild einmal gezeigt wird. Von daher ....

    Hoffen wir auf eine "Gleichberechtigung" auch beim ausüben von häuslicher Gewalt und deren Darstellung in Filmen.

    2 Leserempfehlungen
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    Den Film, in dem die Rollenverteilung der häuslichen Gewalt einmal anders herum ist, gibt es schon. Matthias Brandt und Viktoria Trautmansdorff spielen in „Gegenüber“ sehr beeindruckend und intensiv ein Paar, das in einer Beziehung gefangen ist, in welcher der Mann das Opfer von Prügel und Demütigungen ist. Matthias Brandt verkörpert in diesem Film übrigens ebenfalls einen Polizisten. Anbei noch ein Link mit Filminformationen.

    http://www.programmkino.d...

  5. Ständig die Frauen als Opfer inszenieren. Nervt und produziert übel langweile Kotz-Filme, die kein Mensch mehr sehen will.

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  6. An alle Kommentatoren, die meinen, das Thema sei "durch" oder gar "typisch deutsche Jammerästhetik": gehen Sie mal in die Praxen der (Kinder-)Psychologen & Psychiater! Dort erleben Sie die Folgen ebendieser fatalen Verstrickung aus "gewesenem-Opfer-und-Abreaktion-als-erneuter-Täter" live und in Farbe! Inklusive aller tragischen Folgen für Kinderseelen und den daraus entstandenen "Erwachsenen", die - oft für Jahrzehnte - noch immer unter den Folgen einer derart traumatisierten Kindheit leiden. Wobei diejenigen, die entweder zu äußerlich sichtbarer Gewalt gegen andere als Mittel der Kompensation ihres gewaltigen inneren Schmerzes greifen und solche, bei denen die Gewalt nach innen explodiert (in Form von Depression, Angststörungen & co.), nur die Spitze eines Eisberges der zunehmenden menschlichen Kälte in Familien darstellt: Schauen Sie einmal in die Augen der gehetzten "Erfolgreichen", bei denen sich echte Zufriedenheit trotz des Hamsterrades aus immer schneller, immer mehr arbeiten, konsumieren, etc. nicht einstellen will. Oder in die Herzen der "Angehängten", die sich auf grund entwertender Grundüberzeugungen mit zwei oder drei mies bezahlten Jobs durchs Leben hangeln. Waren es früher patriarchalische Exzesse so stellt m. E. heute die Vergewaltigung von Kindern zu marktkonformen Konsumgeschöpfen eine der wesentlichen Traumatisierungen dar. Und das ausgerechnet von denjenigen, die selbst unter diesen Verhältnissen leiden!

    PS: Respekt für den Kommentar von "zoon politicon"!

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