Regisseur Philip Gröning : "Natürlich ist das eine Zumutung. Aber notwendig"

In seinem Film "Die Frau des Polizisten" macht Philip Gröning die Zuschauer zu Zeugen häuslicher Gewalt. Im Interview spricht er über Täter, Opfer und seine Kindheit.
Philip Gröning auf der Premiere seines jüngsten Films am 30. August in Venedig © ETTORE FERRARI/dpa

ZEIT ONLINE: Ein Mann schlägt seine Frau, und die vierjährige Tochter wird Zeugin dieser Liebeszerstörung. Sie muten Ihrem Publikum einiges zu.

Philip Gröning: Ich will den Zuschauer in den Zustand versetzen, der im Film behandelt wird. Er soll einem ermöglichen, in der eigenen Erfahrung zurückzugehen: sowohl in Erfahrungssplitter, die mit Zerstörung zu tun haben, als auch in den Liebestransfer, der eine Seele überhaupt entstehen lässt. Ich will nicht, dass man sich bloß klassisch mit einer Figur identifiziert.

ZEIT ONLINE: Auch formal fordern Sie uns: 59 Kapitel mit Schwarzfilm zwischen den Szenen – über fast drei Kinostunden.

Philipp Gröning

geboren 1959 in Düsseldorf, ist ein großer Seltenfilmer des deutschen Kinos. Anfang der achtziger Jahre studierte er an der Münchner Filmhochschule, Aufsehen erregte er 1992 mit der Polit-Satire Die Terroristen über ein geplantes Attentat auf Helmut Kohl. Acht Jahre später folgte sein mehrfach ausgezeichnetes Roadmovie L'amour, l'argent, l'amour und 2005 sein bislang größter Publikumserfolg: Die große Stille – ein dreistündiger Dokumentarfilm über das Leben im Mutterkloster des Kartäuserordens.

Gröning: Der Film löst eine merkwürdige Trance aus. Hannes Bruun, mein Cutter, weiß genauso wenig wie ich, in welcher Reihe die Kapitel aufeinanderfolgen, obwohl wir zwei Jahre daran geschnitten haben. Die Bruchstücke der Erzählung setzt der Zuschauer selbst zusammen. Er entscheidet, wie er das innere Bild formt. Es ist wie bei einem Gemälde: Man betrachtet alle Details nacheinander, und dann bleibt ein Bild übrig.

ZEIT ONLINE: Sie haben große Anerkennung für Ihre Bildfindungen bekommen, viele Zuschauer fühlten aber durch Ihre strengen Kapiteleinteilungen gegängelt.

Gröning: Die Szenen sind so intensiv, dass der Zuschauer sich instinktiv abschotten würde, wenn er nicht zwischendurch diesen Raum hätte, den wir ihm geben. Ich trenne die Szenen, damit das Ganze wie ein sich bewegendes Mosaik erscheint. Natürlich ist das eine Zumutung, aber sie ist notwendig.

ZEIT ONLINE: Auch dass Sie in den Schwarzfilm immer ausdrücklich "Ende" und "Anfang" der durchnumerierten Kapitel einblenden?

Gröning: Wir haben kurz vor dem Mischen probiert, das wegzulassen. Es funktionierte nicht. Der Zuschauer wird zwar durch diese Ansage "Anfang" – "Ende" – "Zahl" rausgerissen, kann sich dadurch aber umso tiefer in die nächste Szene fallen lassen.

ZEIT ONLINE: Das Leben dieser jungen Familie – Uwe, Christine und die Tochter Clara – ist ungeheuer eng, räumlich wie psychologisch. Mit der Umwelt tritt sie kaum in Kontakt.

Gröning: Die Enge ist eine Folge des Gewaltverhältnisses. Ich habe monatelang Interviews mit Frauen – und auch Männern – gemacht, die in solchen Beziehungen leben. Die Frauen fliegen aus allen sozialen Kontakten raus.

"Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt) "Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt)

ZEIT ONLINE: Dass Sie Uwe als Kleinstadtpolizisten zeichnen: Ist das nicht etwas simpel? Hier der gesellschaftliche Gewaltkontext, dort die familiäre Gewalt?

Gröning: Uwes Beruf stand für mich von Anfang an fest. Ich habe dann viel recherchiert. Polizisten sind eher in einer Position der Ohnmacht. Zum Unfallort kommen sie, wenn es dort ganz still ist: Da liegen noch zwei Tote. Oder ein Reh. Solche Szenen bringen Ruhe in den Film. Was Uwe sonst kennzeichnet, ist ein unfassbarer Liebesmangel, eine Grundverlassenheit, die er sehr aggressiv weitergibt. Menschen können durchaus in bestimmtem Maß entscheiden, was sie von dem weitergeben, was sie empfangen haben:  Zerstörung oder Liebe. 

ZEIT ONLINE: Uwe, der schlagende Familienvater, wirkt manchmal, als sei er selbst ein Opfer. Nur: wessen Opfer?

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Habe den Film

Freitag auf dem Lido gesehen, ohne zu wissen um was es ging. Habe den Titel gelesen Karte gekauft und rein ins Kino.

War sehr anstrengend, Das Thema ist nicht gerade meins.
Man weiß aber das es sowas gibt, das Frauen und manchmal auch Männer sich alles in einer Beziehung gefallen lassen. Inklusive Schläge und psychischen Terror. Der Film zeigt wenig davon aber sehr eindringlich.
Fast drei Stunden war doch für einige Zuschauer einfach zu viel. Und die Kapitel 59. an der Zahl immer mit Anfang und Ende inklusive schwarzem Bild anzuzeigen, ob das sein musste bleibt dahin gestellt. Am Ende gab es für die Hauptdarsteller und dem Regisseur doch viel Applaus. Die Darsteller waren auch gut, auch die zwei kleinen Mädel, welches von beiden wann im Film zu sehen war kann man nicht sagen, halt Zwillinge, waren sehr gut. Bin gespannt wie der Film bei der Juri ankommt

Gegenüber von Jan Bonny

Den Film, in dem die Rollenverteilung der häuslichen Gewalt einmal anders herum ist, gibt es schon. Matthias Brandt und Viktoria Trautmansdorff spielen in „Gegenüber“ sehr beeindruckend und intensiv ein Paar, das in einer Beziehung gefangen ist, in welcher der Mann das Opfer von Prügel und Demütigungen ist. Matthias Brandt verkörpert in diesem Film übrigens ebenfalls einen Polizisten. Anbei noch ein Link mit Filminformationen.

http://www.programmkino.d...