Haifaa Al Mansour"Saudi-Arabien ist stabiler, weil es reich ist"

Eigentlich ist es unmöglich, als Frau in Saudi-Arabien einen Film zu drehen. Doch Haifaa Al Mansour schaffte es. Ihr mutiges "Mädchen Wadjda" ähnelt ihr sehr. von 

ZEIT ONLINE: Ein Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht, in einem Land, in dem Frauen nicht Rad fahren dürfen. Eine Regisseurin, die Filme in einem Land ohne Kinos dreht – inwieweit ist Wadjdas Geschichte auch Ihre Geschichte?

Haifaa Al Mansour: Was für Wadjda ihr Fahrrad ist, ist für mich dieses Filmprojekt. Auch ich musste viel Ausdauer und Charme aufbringen, um diesen Film auf die Beine zu stellen. In Saudi-Arabien ist es vollkommen lächerlich, wenn sich ein Mädchen ein Fahrrad wünscht, und genauso abwegig ist, dass eine Frau einen Film drehen will. Die Leute denken: "Das klappt nie und nimmer." Genau das hat mich gereizt. Es ist wichtig das eigene Potenzial zu erkennen, an seine Fähigkeiten zu glauben und einfach auf sein Ziel zuzugehen. Egal, worum es geht. Gerade im Nahen Osten müssen die Menschen ein Gefühl für ihre eigene Kraft entwickeln, denn es ist hier sehr schwierig, sein individuelles Lebensglück zu gestalten.

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ZEIT ONLINE: Was hat Sie dazu gebracht, Filmemacherin zu werden?

Die Regisseurin Haifaa Al Mansour

Haifaa Al Mansour (39) ist die erste Filmemacherin Saudi-Arabiens, einem Land, in dem es keine Kinos, aber Videotheken gibt. Sie machte an der amerikanischen Universität in Kairo ihren Bachelor-Abschluss in Literatur und studierte an der University of Sydney Regie und Filmwissenschaft. Ihre drei Kurzfilme und die mehrfach ausgezeichnete Dokumentation Women without Shadows (2005) erregte auf zahlreichen Filmfestivals internationale Aufmerksamkeit. Ihr Spielfilmdebüt Das Mädchen Wadjda wurde als saudisch-deutsche Koproduktion realisiert und soll – nachdem der Film in Saudi-Arabien in der deutschen Botschaft zu sehen war – sich um eine Oscarnominierung bewerben.

Der Film "Das Mädchen Wadjda"

Die 12-jährige Wadjda wünscht sich nichts sehnlicher als ein Fahrrad, aber Radfahren ist Mädchen in Saudi-Arabien nicht erlaubt. Dennoch verfolgt sie ihr Ziel mit großer Hartnäckigkeit und nimmt schließlich an einem Koran-Wettbewerb teil, von dessen Preisgeld sie sich ihren Traum erfüllen will.

Al Mansour: Ich bin in einer sehr kleinen Stadt in Saudi-Arabien aufgewachsen. Ich war eines von zwölf Kindern und in meiner Familie ging es recht turbulent zu. Mein Vater brachte aus der Videothek immer eine Menge Filme mit: Jackie Chan, Bruce Lee, alles Mögliche. Diese Filme haben mir die Welt über meinen eingeschränkten Horizont hinaus gezeigt. Ich habe dort Gefühle gesehen, die ich noch nicht kannte: Menschen, die sich ineinander verlieben oder die für ihr Land kämpfen. Es  gibt so viele Emotionen, die man nicht ausleben kann, wenn man in einer kleinen, konservativen Stadt in Saudi-Arabien aufwächst. So habe ich mich in das Medium verliebt, aber dass ich einmal Filmemacherin werde würde, hätte ich nie gedacht. Nach der Schule fing ich an zu arbeiten, hatte aber das Empfinden, dass es keinen Weg gibt, das zu tun, was mich wirklich interessiert. Ich fühlte mich vollkommen unsichtbar und fing eher aus einem selbsttherapeutischen Impuls heraus an, kleine Filme zu drehen. Mein Bruder hat die Kamera gehalten, meine Schwester das Licht. Einen der Filme habe ich zu einem kleinen Wettbewerb geschickt und er wurde tatsächlich ausgewählt. Ich konnte zu einem Filmfestival nach Abu Dhabi fahren. Dort sagten sie zu mir, ich sei die erste saudische Filmemacherin. Und ich dachte: "Okay, wenn ihr meint."

ZEIT ONLINE: Wofür steht das Fahrrad in Ihrem Film?

Al Mansour: Für das Konzept der Moderne, für die Beschleunigung, die Sehnsucht nach Bewegung und die Freiheit der Mobilität. Trotz alledem ist das Fahrrad ja eigentlich nur ein Spielzeug. Es schüchtert niemanden ein. Ich wollte keine große Tragödie, sondern die Geschichte eines Kindes erzählen, das sich nach etwas sehnt und das Publikum mit auf seine Reise nimmt.

Leserkommentare
  1. >>Wenn wir ein Geschäft aufmachen wollen, brauchen wir einen männlichen Bürgen.<<

    Mal nur so zur Erinnerung: Das war in Westdeutschland vor 50 Jahren nicht anders!

    2 Leserempfehlungen
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    Müsste heute noch so sein.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Zeit Online möchte keine Plattform für misogyne Äußerungen bieten. Die Redaktion/mak

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    • druwiof
    • 05. September 2013 17:09 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Wiederanmeldungen. Die Redaktion/mak

  3. >>Das sind langsame, schüchterne Schritte in die richtige Richtung, die hoffentlich den Weg für größere Veränderungen ebnen<<

    Und Haifaa Al Mansour geht dabei mutig voran. Hoffen wir, dass ihr viele folgen werden. Wenn - nicht nur in Arabien - ein Mensch zum Vorbild für andere taugt, dann ganz bestimmt diese Frau.

    • druwiof
    • 05. September 2013 17:09 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Wiederanmeldungen. Die Redaktion/mak

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

  4. - nicht nur weil es reich ist - das sind andere Rohstoff exportierenden Länder wie der Iran und Russland auch. Sondern weil die Bevölkerung stärker von den Rohstofferlösen profitiert.

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    • klaus.m
    • 05. September 2013 18:18 Uhr

    Sind Russland und der Iran etwa instabile Länder?

  5. 6. [...]

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

    6 Leserempfehlungen
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  6. Müsste heute noch so sein.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "50 Jahre"
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    • fx123
    • 05. September 2013 17:39 Uhr

    Finanzielle Absicherung inklusive.

    • fx123
    • 05. September 2013 17:39 Uhr

    Finanzielle Absicherung inklusive.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "War eine gute Sache."

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  • Schlagworte Film | Saudi Arabien | Fahrrad | Mädchen | Spielzeug | Debatte
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