ZEIT ONLINE: Ein Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht, in einem Land, in dem Frauen nicht Rad fahren dürfen. Eine Regisseurin, die Filme in einem Land ohne Kinos dreht – inwieweit ist Wadjdas Geschichte auch Ihre Geschichte?

Haifaa Al Mansour: Was für Wadjda ihr Fahrrad ist, ist für mich dieses Filmprojekt. Auch ich musste viel Ausdauer und Charme aufbringen, um diesen Film auf die Beine zu stellen. In Saudi-Arabien ist es vollkommen lächerlich, wenn sich ein Mädchen ein Fahrrad wünscht, und genauso abwegig ist, dass eine Frau einen Film drehen will. Die Leute denken: "Das klappt nie und nimmer." Genau das hat mich gereizt. Es ist wichtig das eigene Potenzial zu erkennen, an seine Fähigkeiten zu glauben und einfach auf sein Ziel zuzugehen. Egal, worum es geht. Gerade im Nahen Osten müssen die Menschen ein Gefühl für ihre eigene Kraft entwickeln, denn es ist hier sehr schwierig, sein individuelles Lebensglück zu gestalten.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie dazu gebracht, Filmemacherin zu werden?

Al Mansour: Ich bin in einer sehr kleinen Stadt in Saudi-Arabien aufgewachsen. Ich war eines von zwölf Kindern und in meiner Familie ging es recht turbulent zu. Mein Vater brachte aus der Videothek immer eine Menge Filme mit: Jackie Chan, Bruce Lee, alles Mögliche. Diese Filme haben mir die Welt über meinen eingeschränkten Horizont hinaus gezeigt. Ich habe dort Gefühle gesehen, die ich noch nicht kannte: Menschen, die sich ineinander verlieben oder die für ihr Land kämpfen. Es  gibt so viele Emotionen, die man nicht ausleben kann, wenn man in einer kleinen, konservativen Stadt in Saudi-Arabien aufwächst. So habe ich mich in das Medium verliebt, aber dass ich einmal Filmemacherin werde würde, hätte ich nie gedacht. Nach der Schule fing ich an zu arbeiten, hatte aber das Empfinden, dass es keinen Weg gibt, das zu tun, was mich wirklich interessiert. Ich fühlte mich vollkommen unsichtbar und fing eher aus einem selbsttherapeutischen Impuls heraus an, kleine Filme zu drehen. Mein Bruder hat die Kamera gehalten, meine Schwester das Licht. Einen der Filme habe ich zu einem kleinen Wettbewerb geschickt und er wurde tatsächlich ausgewählt. Ich konnte zu einem Filmfestival nach Abu Dhabi fahren. Dort sagten sie zu mir, ich sei die erste saudische Filmemacherin. Und ich dachte: "Okay, wenn ihr meint."

ZEIT ONLINE: Wofür steht das Fahrrad in Ihrem Film?

Al Mansour: Für das Konzept der Moderne, für die Beschleunigung, die Sehnsucht nach Bewegung und die Freiheit der Mobilität. Trotz alledem ist das Fahrrad ja eigentlich nur ein Spielzeug. Es schüchtert niemanden ein. Ich wollte keine große Tragödie, sondern die Geschichte eines Kindes erzählen, das sich nach etwas sehnt und das Publikum mit auf seine Reise nimmt.