ZEIT ONLINE: In Ihrem neuen Film The Congress steht es schlecht um die Zukunft des Kinos: Schauspieler braucht es da nicht mehr. Alles wird ausschließlich digital erschaffen – mit verheerenden Folgen. Warum eine so düstere Vision?

Ari Folman: Der Film ist nicht pessimistisch, er zeigt nur den gegenwärtigen Stand der Entwicklung. Die Schauspielerin Robin Wright, die in The Congress die Schauspielerin Robin Wright spielt, wird digital erfasst – diese Szene haben wir in einem echten Scanning-Studio gedreht. Die Technik gibt es also. Wir brauchen Schauspieler tatsächlich nicht mehr, um Filme zu drehen.

ZEIT ONLINE: Ist das eine positive Entwicklung?

Folman: Das Scannen ist lediglich eine weitere Umwälzung, wie sie der Tonfilm und die Digitalkamera mit sich brachten. Ich glaube zwar einerseits nicht, dass wir irgendwann keine realen Darsteller mehr brauchen – ich bin Optimist –, andererseits habe ich schon gesehen, dass es funktioniert. Möglicherweise wird die wirtschaftliche Krise dazu führen, dass nur noch digitale Schauspieler verwendet werden.

Kino - "The Congress" (Filmausschnitt) - Robin wird gescannt "The Congress" (Filmausschnitt) - Robin wird gescannt

ZEIT ONLINE: Wäre es für die Schauspieler nicht vielleicht sogar angenehm, wenn ihr digitales Double den Job machte? Sie müssten sich dann auch nicht mehr – wie in Ihrem Film – Fragen anhören, warum sie diese oder jene miese Rolle übernommen haben. Sie wären unabhängiger von Kritikermeinungen.

Folman: Oh, Journalisten spielen keine so große Rolle mehr. Was auf Facebook und Twitter diskutiert wird, ist inzwischen wichtiger. Als wir vor drei Monaten in Cannes gerade aus der Weltpremiere von The Congress kamen, sagte meine Assistentin: "Auf Twitter sind wir ganz stark!" Ich glaube, Deutschland ist eine Ausnahme: Hier – wie übrigens auch in Frankreich – sind die Printmedien noch immer sehr einflussreich. Dieses alte Europa! In Amerika spielt sich alles in Blogs ab: die starken Meinungen, die starken Kommentare, die guten Diskussionen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel darüber, welche Rolle Psychopharmaka in Zukunft spielen werden? In Ihrem Film nehmen die Menschen kleine Ampullen, um sich aus der Wirklichkeit wegzuhalluzinieren, um sich glücklicher zu fühlen.

Kino - "The Congress" (Filmausschnitt) - Robin betritt die andere Welt "The Congress" (Filmausschnitt) - Robin betritt die andere Welt

Folman: Die Drogen sind eine Metapher. Es kann auch irgendetwas anderes sein: Geld, Ruhm, Sex – jede Form von Abhängigkeit dient letztlich dazu, aus der Realität zu fliehen. Drogen waren nur das Bild, das Stanislav Lem für solche Abhängigkeiten gewählt hat und das ich übernommen habe, weil sein Roman Der futurologische Kongress meine Vorlage zu dem Film war. Im Film sagt am Ende ein Arzt, der sich entschieden hat, in der elenden Wirklichkeit zu leben: "Sie haben die Wahl." Ein wichtiger Satz. Wir müssen uns jeden Tag entscheiden, ob wir der Realität ins Gesicht schauen, oder ob wir uns aus ihr wegträumen wollen.

ZEIT ONLINE: Hat es die Digitalisierung unseres Alltags leichter gemacht, aus ihm zu entfliehen?

Folman: Ja, in gewisser Weise. Ich bin kein Technophobiker. Ich habe mich zum Beispiel sofort entschieden, digital zu drehen, als ich den Qualitätsunterschied auf der großen Leinwand gesehen habe. Doch die Möglichkeiten, sich in andere Welten zu stürzen, sind heute ganz andere. Haben Sie Kinder? Die werden heute mit einem iPad in der einen und einem Joystick in der anderen Hand geboren. Sie leben in Flachbildschirmen. Und alle leiden an ADS, an einem Aufmerksamkeitsdefizit. Sie können sich nicht konzentrieren und sind die ganze Zeit mit irgendetwas oder irgendjemandem verbunden. Ihre Art zu kommunizieren hat sich völlig verändert.

ZEIT ONLINE: Beobachten Sie das bei Ihren eigenen Kindern?

Folman: Ja, und ich bin schockiert. Es ist so anders als meine Kindheit.

ZEIT ONLINE: Der miese Boss eines großen Filmstudios in Ihrem Film verspricht eine Welt ohne Frustration. Fällt es Kindern – und auch uns Erwachsenen – schwerer, Frustrationen auszuhalten? Brauchen wir sie gar?

Folman: Lem hatte eine Menge Dinge vorausgesagt, mit denen er richtig lag: das iPad, das iPhone, das freie Digitalfernsehen ... Vor allem aber lag er richtig mit seiner Einschätzung, dass Psychopharmaka eine immer größere Rolle spielen würden. Als er das Buch in den späten sechziger Jahren schrieb, wurden depressive Menschen noch mit Lithium behandelt – einem Mittel aus der Steinzeit. Ich weiß nicht, woher er es wusste, aber in dem Buch sah er voraus, dass heute in den westlichen Ländern jeder, der gerade eine Krise durchleidet – weil er ein gebrochenes Herz hat oder einen Verwandten verloren hat oder weil der Hund gestorben ist – nicht geheilt werden muss, sondern repariert werden kann. Wir haben Prozac (Anmerk. d. Red.: ein amerikanisches Antidepressivum, das in Deutschland beispielsweise unter dem Namen Fluctin vertrieben wird). Jeder kann glücklich sein und funktionieren. Nach drei Wochen Behandlung ist das Zeug in deinen Blutzellen und du bist wieder im Job.

ZEIT ONLINE: So wie Sie es darstellen, klingt das wirklich ungesund.