Magazine wie Landlust, Landleben oder Land Menschen malen das Leben in der Natur gern in freundlichen Erdtönen: Hühner laufen durchs Wohnzimmer, Katzenbabys schnurren auf dem Schaffell, im Kamin flackert es golden und der Wasserkessel auf dem Herd pfeift. Der von der Großstadt erschöpfte Mensch findet auf dem Land nachbarschaftliche Wärme, gute Luft und das Glück, etwas mit eigener Hände Arbeit erschaffen zu können. So das wohlige Versprechen der Hochglanzzeitschriften. 

In Wischershausen, so viel ist sicher, war noch kein Land-Magazin. Wenn sich der Bauer Maxe in dem Dokumentarfilm Am Ende der Milchstraße morgens um fünf aus dem Bett ächzt und nach der Schweinefütterung im kärglich eingerichteten Wohnzimmer das erste Bier aufmacht, ist das für den landunerfahrenen Stadtmenschen ein Kulturschock. Wo sind die Betten mit den eingeschnitzten Herzen, wo die Blumenkränze an der Tür und die glücklichen Landmenschen mit der gesunden Gesichtsfarbe?

Stattdessen fließen mehrere Liter Blut in den frischen Schnee, ein Schwein wird geschlachtet. Die Filmemacher Dirk Uhlig und Leopold Grün (Der rote Elvis) zeigen ausführlich, wie dem Tier die Kehle aufgeschlitzt, die Haut abgezogen und eine Schubkarrenladung Gedärme aus ihm herausgeholt wird. Es scheint eine Art Initiationsritus zu sein, den die beiden an den Anfang ihres Films gestellt haben. So sieht's hier aus! Falls ihr das nicht sehen könnt, seid ihr im falschen Film, brüllt es einem im Gleichklang mit dem sterbenden Eber entgegen.

Schön ist es in Wischershausen, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, schon. Jedenfalls, wenn man die platte, etwas heruntergewirtschaftete Landschaft mag, wie sie in Brandenburg und Mecklenburg zu finden ist. Wenn man sich nicht an den ärmlichen Häuschen und den Güllebergen stört. Und nicht an der Massentierhaltung, ohne die man hier von der Milchwirtschaft nicht leben kann. Jeden Morgen kommt ein Bus mit Lebensmitteln, Zeitschriften und Schnaps ins Dorf. Wer ein Auto hat, fährt zum Einkaufen ins nahe gelegene Neubrandenburg.

"Wozu woanders hingehen?"

Harry, der als eine Art Dorf-Chronist auftritt, lebt die meiste Zeit in einem Wohnmobil. Er ist das, was man in unserer Gesellschaft einen Verlierer und im Kino einen Antihelden nennt. Mit seiner Pfeife sitzt er am Fluss und wartet darauf, dass sich ein Fisch seiner erbarmt. "In unserer Gesellschaft", sagt er, "gibt es keinen Spielraum mehr".

Sein großer Traum ist es, mit seinem Wohnmobil zum Nordkap zu fahren. Bis es dafür reicht, bleibt er eben hier. "Es bringt nichts, vom Nordkap zu träumen und den Fischotter um die Ecke links liegen zu lassen." Harry ist ein Mann, den das Leben Gleichmut und Geduld gelehrt hat. Die Dorfsolidarität gefällt ihm, er sei als Zugezogener gleich aufgenommen worden. "Hier hat jeder seine Aufgabe. Ich mache die Technik für Max und dafür füttert er mir ein Schwein mit."

Wir lernen Gabi kennen, die fünf Kinder und zwei Pferde hat und sagt: "Wozu woanders hingehen? Hier hab ich mein Zuhause, warum soll ich da weg? Wenn wir baden wollen, fahren wir zum See runter, da isses schön."