Erwin Wagenhofer meint es ernst. Das ist bei dem österreichischen Dokumentarfilmer nichts Neues, aber sein jüngstes Thema Bildung geht er besonders grundsätzlich an und eröffnet Alphabet mit Ultraschallaufnahmen von einem Kind im Mutterleib. Darüber legt Wagenhofer eine Rede des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson: "Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit."

Sätze, die sitzen. Wie überhaupt in diesem Film so viele bemerkenswerte Zitate fallen, dass man im Kino ständig einen Notizblock zücken möchte. Für seine Betrachtung von Bildungssystemen im Zeichen der Globalisierung hat Wagenhofer neben Robinson viele weitere prominente Experten vor seine Kamera geholt. Darunter ist der deutsche Neurologe Gerald Hüther, ein vehementer Kritiker des steigenden Leistungsdrucks in den Schulen; der ehemalige Lufthansa- und Daimler-Benz-Manager Thomas Sattelberger, der Absolventen von Wirtschaftsstudiengängen als "geföhnte Bubies und Barbie-Puppen im Business-Look" kritisiert; der Pädagoge Arno Stern, der Kindern seit 30 Jahren in seinem "Malort" in Paris die Möglichkeit zur Kreativität ohne Druck gibt; und sein Sohn André, Gitarrist, Komponist und Gitarrenbaumeister, der nie eine Schule besucht hat.   

Wagenhofer lässt wie seine Protagonisten keinen Zweifel daran, dass Bildungsanstalten schlecht mit Kindern umgehen. Als krasses Beispiel dient ihm der erste Halt auf seiner Reise durch die Schulen der Welt: China. Muster-Pisa-Kandidat, immer an der Spitze der Rankings der OECD. Unschöner Nebeneffekt: Der Primus verzeichnet auch die höchste Selbstmordrate überforderter Schüler, wie der chinesische Erziehungswissenschaftler Yang Dongping anmerkt. Seit der Einführung der Marktwirtschaft sei das Bildungssystem von Konkurrenzdenken, Auswendiglernen und dem Bestehen der vielen gefürchteten Prüfungen und Schulwettbewerbe geprägt. Raum für kreatives Denken, eigene Ideen und Erholung gebe es dagegen nicht. Dongping: "Unsere Kinder gewinnen am Start – und verlieren am Ziel."

Was China im Extrem exerziert, macht laut Wagenhofer auch in den Ländern der EU vielen Kindern die Schule zur Hölle. Der Leistungsdruck steige ständig, Schüler seien lediglich Teil einer wirtschaftlichen Verwertungskette. Ecken und Kanten, ein eigener Kopf und das Hinterfragen von Handlungsmaximen seien nicht gefragt. Stattdessen Anpassungsfähigkeit, bedingungsloses Erfüllen von Vorgaben, Konkurrenzdenken. Unser Schulsystem funktioniere immer noch wie im 19. Jahrhundert, als Menschen nicht ihr Potenzial ausschöpften, sondern an den Maschinen der immer noch zunehmenden In­dus­t­ri­a­li­sie­rung funktionieren sollten, kritisiert Gerald Hüther.

Der globale Kapitalismus – in Alphabet erhebt er wieder sein schauriges Haupt. Eine Weltwirtschaft, die allein nach den Gesetzen des Marktes funktioniert, sagt Wagenhofer, setzt Gesellschaften so enorm unter Druck, dass sie Zukunft nicht sinnvoll gestalten können.