Filme verändern das Leben des Betrachters. Wenn auch nur ein kleines bisschen. Wer etwa Michel Gondrys Der Schaum der Tage gesehen hat, wird keine Türklingel mehr anschauen können, ohne befürchten zu müssen, dass sie bei jedem Läuten auf und davon läuft. Türklingeln können hier nämlich krabbeln wie Kakerlaken und müssen mit einem gezielten Fußtritt an der Flucht gehindert werden.

Das ist nur eine von zahllosen Wunderlichkeiten, mit denen der visuelle Kosmos dieses Filmes bestückt ist. Aale schlängeln sich aus dem Wasserhahn direkt in den Kochtopf, Mäuse bauen in Küchenschubladen Tomaten und Kräuter an, das Drei-Gänge-Menü tanzt vor Freude darüber, bald verschlungen zu werden, auf den Tellern und Cocktails werden vom Piano gemixt. Allein in den ersten 20 Minuten setzt dieser Film so viel Kreativität frei, dass jedes Hollywoodstudio ein ganzes Quartal davon zehren könnte.

Michel Gondry ist eine exzentrische Ausnahmeerscheinung in der internationalen Filmlandschaft. Immer wieder befasst er sich mit der Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Realität, Traum und Unterbewusstsein. Seine ersten Kinofilme Human Nature und Eternal Sunshine of the Spotless Mind stellte der französische Regisseur in den USA gemeinsam mit dem genialen Drehbuchautoren Charlie Kaufman (Being John Malkovich) auf die Beine. Legendär sind auch seine Musikvideos, die er für Björk inszenierte, und selbst im engen Korsett der Hollywood-Comic-Verfilmung The Green Hornet entwickelte er einen ganz eigenen Umgang mit dem Superheldentum.

Mit Der Schaum der Tage kehrt Gondry nun zurück nach Frankreich und verfilmt mit Boris Vians Roman aus dem Jahre 1946 ein literarisches Nationalheiligtum. "In Frankreich hat fast jeder dieses Buch im Jugendalter gelesen" sagt Gondry beim Interview in Berlin. "Vians Roman hat über die Jahrzehnte hinweg immer eine große Anziehungskraft auf junge Leser gehabt. Die Menschen haben ein sehr persönliches Verhältnis zu diesem Buch und jeder hat seine eigene Vision dazu im Kopf. Die Erwartungen sind sehr hoch, wenn man einen solch fantasievollen Roman adaptiert."

Zu Lebzeiten des Autors war der surrealen Liebesgeschichte ein eher bescheidener Erfolg vergönnt. Erst nach Vians Tod 1959 avancierte Der Schaum der Tage zum Kultroman. Die Poesie Vians scheint wie geschaffen für einen Regisseur wie Gondry, dessen Fantasie auf der Leinwand ein wildes, visuelles Eigenleben entfaltet.

"Der Schaum der Tage ist kein surrealistischer Roman", sagt Gondry, "aber er enthält viele Elemente, die von der surrealistischen Malerei inspiriert sind. Der Text ist selbst stark von Bildern beeinflusst, daher lässt er sich gut in Kinobilder übersetzen." Der Regisseur hat sich sehr genau an die Romanvorlage gehalten und auf die Synergieeffekte von literarischer und cineastischer Experimentierfreude gesetzt. "Wenn man ein Buch verfilmt, das mit allen literarischen Regeln bricht, muss man als Regisseur ebenfalls mit filmischen Konventionen brechen und seinen eigenen künstlerischen Weg gehen. Auch wenn man dafür im Filmgeschäft viele Widerstände überwinden muss."