In gleißendem Sonnenlicht schlendern ein Mädchen und ein Junge, Natalie (Carla Juri) und Dominik (Leonard Scheicher), in Schulblazer und Krawatte einen menschenleeren Gehsteig entlang, vorbei an einem weißen Zaun. Der steht, samt der akkurat geschnittenen Hecke dahinter, für die Vorstadtidylle, unter der sich auch bei David Lynch stets die schlimmsten Abgründe verbergen. Sie müssen zum Bus, Klassenfahrt in die KZ-Gedenkstätte. Ihr Mitschüler Maximilian (Jakub Gierszal), ein Sonnyboy mit perfekt gebräuntem Teint und gegeltem Blondhaar, ein ausgemachtes Arschloch, seinen Speichellecker-Freund Jonas im Schlepptau, begrüßt Natalie und Dominik mit einem zackigen "Na, ihr Spasmos? Ready for the KZ-Besuch?"

Willkommen in der unbehaglichen Finsterworld. Zwischen Tragik und absurder Komik seziert die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die das Drehbuch mit ihrem Mann Christian Kracht schrieb, deutsche Identität und Vergangenheitsbewältigung. Themen wie "Einsamkeit, Ausgrenzung und alltäglichen Faschismus, die man auf der ganzen Welt kennt" habe sie behandeln wollen, erklärt die Regisseurin im Interview. Und das ist ihr in diesem beachtlichen Spielfilmdebüt, das in mehreren Episoden individuelle und kollektive Schuld reflektiert, beeindruckend gelungen.

Das Wortspiel mit ihrem Nachnamen im Filmtitel sei ihr schon als Kind im Kopf herumgespukt. "Ich fand ihn treffend, weil ich etwas Märchenhaftes erschaffen wollte." Einem Comic gleicht dieses Kunstdeutschland namens Finsterworld.

Der Schülerbesuch im ehemaligen Konzentrationslager bildet dabei die Rahmenhandlung. Auf dieser Fahrt provoziert Maximilian nicht nur seine Mitschüler, sondern auch seinen Lehrer, den Gutmenschen Nickel (Christoph Bach). Parallel zur Schülergruppe werden Maximilians Eltern Inga (Corinna Harfouch) und George Sandberg (Bernhard Schütz) gezeigt, die im gemieteten Cadillac-SUV nach Paris rasen. Oder der skurrile Fußpfleger Claude (Michael Maertens), einziger Besucher von Maximilians Großmutter (Margit Carstensen) im Altersheim. Oder der Polizist Tom (Ronald Zehrfeld), der Claudes Führerschein beinahe kassiert und am liebsten im Bärenkostüm auf sogenannten Furrypartys mit Gleichgesinnten kuschelt. Daheim nervt Toms neurotische Dokumentarfilmerfreundin Franziska Feldenhoven (Sandra Hüller), die er als "eine vom Ehrgeiz zerfressene, oberflächliche und verhärmte Pseudokünstlerin" beleidigt. Frauke Finsterwalder muss ein solides Maß an ironischer Distanz zu sich selbst haben, dieser Figur ihre Initialen zu geben.

Die Schicksale all dieser unkonventionellen Protagonisten sind in der schrägen Finsterworld kunstvoll miteinander verwoben, auch wenn die Episodenstruktur und die Größe des Ensembles an manchen Stellen zu wenig Platz für eine detaillierte Figurenzeichnung lassen. Im Fokus stehen die Sandbergs, anhand derer es der Regisseurin hervorragend gelingt, problematische Familien- und Machtstrukturen zu entlarven. Die Eltern vernachlässigen über ihrer ständigen Selbstinszenierung den Sohn. Sie sind aber eben auch traumatisierte Nachkriegseltern, können Maximilian wohl materielle, aber keine emotionale Sicherheit bieten, definieren sich neben dem Wohlstand über ihre intellektuelle und moralische Überlegenheit. Die ist letztlich so brüchig, dass sie sich ihrer unentwegt selbstvergewissern müssen, etwa wenn Inga voller Arroganz den Mitarbeiter einer Mietwagenfirma am Telefon anblafft: "Bitte die höchste Wagenklasse und auf keinen Fall so ein Naziauto. Kein Mercedes, BMW oder Porsche."  "Dieses Sich-selbst-Zerfleischen", das die Figuren schonungslos betreiben, ist für Finsterwalder "etwas wahnsinnig Deutsches". Maximilians emotionale Verwahrlosung findet ihr Ventil im Drangsalieren seiner Mitschüler: Im ehemaligen KZ sperrt er Natalie in einen Verbrennungsofen. Ein eindringliches und gleichzeitig beängstigendes Bild.