Von kaum einem Künstler kann man sagen, dass er mit scharfsinnigem, bissigem Sprachwitz und einem widerspenstigen Geist die politische Kultur der Bundesrepublik so beeinflusst hat wie Dieter Hildebrandt. Kurz nach Kriegsende gehörte er zu den Gründern eines politischen Kabaretts, das es in der Form in Deutschland kaum noch gibt.

Unvergessen sind all denen, die es miterlebt haben, seine frühen Auftritte mit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. In der Zeit der konservativen Restauration versprühten er und seine Mitstreiter Ursula Noack, Jürgen Scheller, Hans-Jürgen Dietrich und Klaus Havenstein ab Mitte der 1950er Jahre in ihren vom Fernsehen und im Hörfunk übertragenen Programmen ihre spöttisch-kritische Sicht auf die Regierenden und die gesellschaftlichen Entwicklungen. 

In der Adenauer-Ära stellten sie damit eine Art kabarettistische Opposition dar, während die SPD als wirkliche Opposition kaum etwas zu melden hatte. Für die Zuschauer, die zu der Zeit sonst meist schwarz-weißen Einheitsbrei serviert bekam, war das fast ein revolutionärer Akt.

Gewitzte Angriffe auf die Herrschenden

Dieter Hildebrandt, der mit seinem Freund und Regisseur Sammy Drechsel später weitere Kabarett-Programme auf die Bühne und ins Fernsehen brachte, war von Anfang an der Wortführer der gewitzten Angriffe auf die Herrschenden. Er blieb es in seiner sehr eigenen Weise bis zum Schluss. Ihm entgegnete deshalb immer wieder heftige Kritik, der er sich mit Spott und Lust widersetzte.

Heute wirken manche der politischen Schlachten um seine Kabarettnummern anachronistisch. Doch bis in die neunziger Jahre erregten sie die Gemüter. So nahm das ZDF 1975 eine Folge seiner Sendereihe Notizen aus der Provinz aus dem Programm, weil er darin die Abtreibungsdebatte thematisierte. 1980 verordnete ihm der damalige Programmdirektor Dieter Stolte eine sogenannte Denkpause – Franz Josef Strauß kandidierte für die Bundestagswahl.

Hildebrandt wechselte zur ARD. Aber um seinen dortigen Scheibenwischer gab es ebenfalls immer wieder Kontroversen. 1982 protestierte die CSU gegen eine Sendung über den Rhein-Main-Donau-Kanal, 1986 klinkte sich auf ihr Geheiß der Bayerische Rundfunk aus einer Folge zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus.

Dieter Hildebrandt nahm das alles mit grimmigem Humor. Denn es bestätigte ihn jedes Mal darin, einen Nerv getroffen zu haben. Und was will ein Kabarettist mehr?

Ein Geheimnis dieses begnadeten Spötters und gelernten Schauspielers, der das Ende des Krieges noch als Flakhelfer und Wehrmachtssoldat erlebt hatte und danach in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, war seine scheinbare Biederkeit. Mit seiner großen Brille und seinen gewöhnlichen Sakkos wirkte er wie ein Spießbürger. Doch auch wenn er bekannte, privat selbst so gelebt zu haben, war er in Wahrheit alles andere. In seinen verhaspelten, gestotterten, manchmal spontan improvisierten Wortkaskaden und Wortverdrehungen legte er den Hintersinn vieler politischer Äußerungen und Machenschaften offen. Im Lachen des Publikums spiegelte sich dann jeweils ein Erstaunen und Erschrecken, nicht selbst darauf gekommen zu sein.