Der Mann mit der Kamera robbt an den Abgrund. Unter James Balog stürzt Schmelzwasser in einen blauen Schlund. Überwältigt von der Schönheit der hunderte Meter in die Tiefe herabreichenden Gletscherspalte vergisst der Fotograf die Gefahr. Klick, klick, klick. Vorsichtig beugt er sich über die Klippe aus Eis und Schnee. Bricht das gefrorene Nass, können ihn nur noch zwei Sicherungsseile retten. Dieser Besessene nimmt den Auftrag ernst, den er sich selbst gegeben hat: Nur was er mit der Kamera einfängt, ihr Chip speichert, das bleibt.

Der Regisseur Jeff Orlowski hat jahrelang den Mann an der Klippe begleitet. James Balogs Fotos machen den Klimawandel sichtbar. Sie beweisen, dass die Erderwärmung real ist. Dass das Eis der Erde schwindet, die mächtigen Gletscher der Arktis sich in einem nie dagewesenen Tempo zurückziehen. Der Dokumentarfilm Chasing Ice zeigt Erinnerungen an etwas, dessen vermeintliche Ewigkeit vergeht. Nie wurden die Konsequenzen der Erderwärmung so künstlerisch und verstörend zugleich in Szene gesetzt.

Alles beginnt 2006 in Island am Sólheimajökull, dem Sonnenhausgletscher. Balog, ein gefeierter Naturfotograf und langjähriger Bergsteiger, knipst für das Magazin National Geographic den schrumpfenden Koloss im Abstand von sechs Monaten und traut seinen Augen nicht: Gigantische Mengen Eis und Geröll verschwinden einfach. Der studierte Geomorphologe, der Wissenschaft liebt, aber kein Wissenschaftler sein wollte, ist entsetzt. Was passiert hier? Er entschließt sich zu einem einzigartigen Fotoprojekt.

2007 gründet er das Extreme Ice Survey, kurz EIS. Zusammen mit einem kleinen Team aus Forschern, Ingenieuren und Fotografen reist er nach Montana, Alaska, Island und Grönland. In der Nähe mehrerer Gletscher installieren die Männer insgesamt rund zwei Dutzend Digitalkameras, die Stunde um Stunde im Tageslicht ein Foto schießen. Die Kameras knipsen an unwirtlichen Orten, die Ausrüstung muss Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius aushalten, Stürme in Hurrikanstärke, Schnee und Eis. Wochen, Monate, Jahre lang. Was sie aufzeichnen, sind beeindruckende Veränderungen der gigantischen Formationen aus gefrorenem Wasser, vermischt mit Geröll. Im Zeitraffer erzählen sie vom Siechtum der Eismassen. So lebendig, als habe sich hier ein Organismus zum Sterben niedergelassen. James Balog wird zum Chronisten einer Welt, die war.

Immer mit dabei ist Jeff Orlowski mit seiner Videokamera. Als der junge Filmemacher beginnt, Balog zu begleiten, ist er noch Student an der Stanford Universität. Dass die Expeditionen in den Polarkreis einst auf die Kinoleinwand geworfen werden, ist damals nicht mal eine Idee. Orlowski will den Mann kennenlernen, der in den vergangenen drei Jahrzehnten gejagte, bedrohte Tiere und mächtige Wälder fotografierte. Auch das waren schon Bilder, die Natur erfahrbar machten. Nun also EIS, ein Projekt mit dem der 61-jährige Balog seine Bestimmung gefunden hat.

Die Antwort liegt im schmelzenden Eis

Chasing Ice ist das gelungene Porträt dieses Mannes, der das das Eis jagt – der Titel des Dokumentarfilms könnte treffender kaum sein. Dabei glaubte Balog selbst lange Zeit nicht daran, dass die Erderwärmung den Planeten bedroht. Wie könne der Mensch die grundlegende Physik und Chemie des gesamten Planeten verändern? Seine Antwort findet der Fotograf im schmelzenden Eis. 

James Balog hängt an einer Klippe in Alaska und prüft eine der Kameras, die die Gletscherschmelze dokumentieren. © NFP marketing & distribution GmbH / Dogwoof

Im Inneren der Gletscher lesen Forscher die Klimageschichte unseres Planeten. Neuschnee gefriert und lagert sich ab, Jahr um Jahr. Informationen ganzer Jahrtausende werden so konserviert. Die Chemie in Eisbohrkernen berichtet von den Temperaturen und dem CO2-Gehalt in der Luft der Vergangenheit. Beide Werte waren stets nah beieinander, stiegen und sanken gemeinsam in den vergangenen 800.000 Jahren. Die Menge an Kohlendioxid überschritt nie die Schwelle von rund 280 ppm (parts per million). Bis James Watt der Dampfmaschine zum Erfolg verhalf und die Industrialisierung begann. Innerhalb von 200 Jahren stieg der CO2-Gehalt in der Luft auf den heutigen Rekordwert von 400 ppm. Er klettert weiter nach oben und mit ihm die Temperaturen. Das Eis der Arktis schmilzt, es verschwindet im Ozean und der Meeresspiegel hebt sich. Fluten und stärkere Tropenstürme folgen. Versinkende Küsten werden Millionen von Menschen zu Flüchtlingen machen.