Die Mutter (Christiane Paul) ist vom Streit mit der Tochter erschöpft, Emma (Emilia Pieske) weniger. © DCM Filmverleih

Wieder einmal Stau auf der Stadtautobahn und das Kind verkündet lautstark, dass es pullern muss. Ein Blick ins Gesicht der fünfjährigen Emma macht deutlich, dass die Angelegenheit keinen Aufschub duldet. Der Vater kramt schnell eine Tupperdose hervor, schüttet hastig das darin befindliche Obst aus, reicht das Gefäß nach hinten, das Emma erleichtert als Toilettenersatz in Gebrauch nimmt. Zu Hause wird der Inhalt routiniert in den Küchenabfluss gekippt und der Behälter in die Spülmaschine gestapelt.

Auf so eine szenische Filmidee kommt nur, wer mit den Turbulenzen elterlichen Lebens vertraut ist. Das Beste aber an dieser kurzen Sequenz in Robert Thalheims viertem Kinofilm Eltern ist, dass sie nicht als witzige Pointe, sondern als beiläufige Alltäglichkeit inszeniert ist. Warum nur wird im deutschen Kino so selten in Tupperdosen gepullert?

Das familiäre Chaos, durch das sich doch ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung tagtäglich hindurchmanövriert, fühlt sich in deutschen Filmen immer so angestrengt unauthentisch an. "Das Alltägliche spannend und dramatisch zu erzählen ist für mich beim Filmemachen die interessanteste Herausforderung", sagt der Regisseur Robert Thalheim. In Netto war es das Thema Arbeitslosigkeit, in Am Ende kommen die Touristen der heutige Umgang mit Auschwitz und nun moderne Elternschaft. Er hat es wieder gemeistert.

"Gesellschaftliche Themen sind mir wichtig, solange sich die großen Themen in ganz persönlichen Geschichten aufzeigen lassen". Genau das ist Thalheim in Eltern hervorragend gelungen. Er entwickelt die dramatische Dynamik, an der die Familie zu zerbrechen droht, direkt aus dem Alltag zweier berufstätiger Eltern heraus. Nachdem Konrad (Charly Hübner) sich einige Jahre voll und ganz um Haushalt und Kinder gekümmert hat, bekommt er wieder ein Engagement als Theaterregisseur. Da seine Frau Christine (Christiane Paul) in ihrem Beruf als Anästhesistin im Krankenhaus nicht zurückstecken kann, engagieren sie ein Au-pair-Mädchen aus Argentinien. Das jedoch  kommt schwanger in Berlin an und fällt als Kinderbetreuerin aus. Dann stirbt auch noch Specki, der Hamster, und innerhalb weniger Tage kippt der eben noch fein austarierte Alltag. "Im Leben einer jungen Familie", beschreibt es Thalheim, "wechseln sich Chaos und Harmonie oft blitzschnell ab. Mindestens einmal im Monat kommt es zu einer Situation, in der das ausgeklügelte System, wer wann welches Kind abholt, in sich zusammenbricht". Thalheim ist fasziniert von der Tatsache, wie ein Elternpaar innerhalb kürzester Zeit vor einem Scherbenhaufen stehen kann und alles infrage stellt.

Was als leichte Familienkomödie beginnt, schlittert zunehmend ins echte Drama, weil die Beziehung der Eltern dem zweifachen beruflichen Druck nicht standhält und auch die Töchter ihre Ansprüche neu justieren müssen. Letztere sind hier ein wichtiger Schlüssel für das familiäre Echtheitsgefühl. Sie entsprechen nicht den üblichen Kindchenschemata vom süßen Fratz oder der kleinen Nervensäge, sondern sind – wie im echten Leben – eigensinnige, komplexe Charaktere. Das gilt für das eher anarchische Wesen der fünfjährigen Emma (Emilia Pieske) genauso wie für deren ältere Schwester Käthe, in deren jungem Körper eine alte Seele zu wohnen scheint. Die fabelhafte Paraschiva Dragus spielt dieses zehnjährige Mädchen, das in seiner bis oben hin zugeknöpften Strickjacke die Strategien der Erwachsenen sofort durchschaut und sich beharrlich weigert, Verantwortung als große Schwester zu übernehmen. Solche sorgfältig gezeichneten Kindercharaktere möchte man öfter im deutschen Kino sehen.

Auch das familiäre Setting ist voll auf der Höhe der Zeit und verhandelt die Geschlechterdifferenz nicht mit den angestaubten Stereotypen von vorgestern. "Anders als vor vielleicht zehn Jahren werden die Konflikte heute nicht mehr ideologisch ausgekämpft, sondern ganz real im Alltag. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem die Aufgaben und Zuschreibungen von Vätern und Müttern neu ausgewürfelt werden." Dabei ist nicht mehr das festgefahrene Rollenbild das Hauptproblem, sondern das Alleinernährermodell an sich. Wer nur für die Kinder da ist, fühlt irgendwann eine Leerstelle in sich und wer zu viel arbeitet, dem geht die Nähe zu den Kindern verloren – egal ob Mann oder Frau.

Geschlechterkampf im Elternmodus

Dass es hier der Vater ist, der mit der Karriere als Theaterregisseur – vermutlich nicht ganz freiwillig – pausiert hat, frischt den Blick auf den Geschlechterkampf im Elternmodus sichtbar auf. "Du klingst wie eine frustrierte Ehefrau aus den Fünfzigern", wirft Christine ihrem Mann vor, um den sie alle Spielplatzmuttis beneiden. Charly Hübner spielt den Vollzeitvater mit einer beiläufigen Souveränität und jenseits aller Softie-Klischees, mit denen solche Figuren normalerweise stigmatisiert werden. Dass er in einem Kreativberuf arbeitet, in dem man sich von einem Projekt zum nächsten hangelt, macht Konrad besonders anfällig für den elternzeitbedingten Karriereknick. "Die Frage, ob man es selbst nicht geschafft hat oder die Kinder daran schuld sind, dass die Karriere nicht vorankommt, ist heute für viele Mütter und Väter schwer zu beantworten", stellt Thalheim fest. In den Medien werde oft ein egoistischer Blick transportiert, der in Kindern nur ein Karrierehindernis sieht. Dass sie auch eine wichtige Stufe hin zu einem ausgeglichenen Leben sind, das einen wiederum besser im Beruf macht, wird dabei oft übersehen. "Man kann nicht nur trotz Kindern im Beruf gut sein, sondern gerade auch wegen der Kinder."

In dem Aufmischen familiärer Konventionen liegt ein Abenteuer, auf das es sich einzulassen lohnt. Daran lässt der Film wenig Zweifel. Ebenso wenig wie an den Anstrengungen, die dieses Unterfangen in den derzeitigen gesellschaftlichen Strukturen mit sich bringt, weil sie der Veränderungsbereitschaft vieler Eltern immer noch hoffnungslos hinterherhängen.