Die meisten Mediennutzer der westlichen Welt dürften Marshall B. Webb schon einmal gesehen haben. Auf dem mittlerweile ikonografischen Foto, das 2011 während der US-Operation gegen Osama bin Laden in der Kommandozentrale des Weißen Hauses entstand, ist er im Zentrum der Runde zu sehen, direkt neben Präsident Barack Obama. Mit der Sitzordnung hatte alles seine Richtigkeit, denn Webb war zu dem Zeitpunkt Assistant Commanding General der Spezialtruppe Joint Special Operations Command (JSOC), die für die Erfassung und Tötung bin Ladens verantwortlich war.

Wofür die Truppe, zu deren Führungskräften Webb gehörte, noch so verantwortlich ist – das ist die Frage, der sich der Kriegsreporter Jeremy Scahill seit 2010 widmet. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist die Dokumentation Schmutzige Kriege. Die geheimen Kommandoaktionen der USA, die der Regisseur Richard Rowley mit ihm gedreht hat. Der Film, in dem auch Webb kurz gewürdigt wird, ist in der Nacht zum Freitag in der ARD als Abschluss eines Schwerpunkts zum Thema Geheimer Krieg zu sehen. Unter diesem Titel läuft seit Mitte November auch eine Serie, die der NDR gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung recherchiert hat.

In seinem Buch zum Thema, ebenfalls Schmutzige Kriege betitelt und in Deutschland im vergangenen Monat erschienen, bezeichnet Scahill die JSOC-Kämpfer als "die hoch geschätzten Ninjas des Präsidenten". Einer seiner Informanten spricht im Film vom "paramilitärischen Arm" der US-Regierung. Etwas nüchterner formuliert: Dieser sehr besondere Kampfverbund ist direkt dem Weißen Haus unterstellt, einer parlamentarischen Kontrolle untersteht er nicht.

Kugeln aus den Leichen geschnitten

Im Kern geht es in Schmutzige Kriege um die gezielte Ermordung von Zivilisten in vielen Ländern. Der Ausgangspunkt von Scahills Recherchen, der auch Koautor des Drehbuchs ist, ist ein nächtlicher Angriff auf eine Familienfeier im afghanischen Gardez. Unter den Toten sind zwei schwangere Frauen und ein Polizeioffizier, der sogar an Trainingsprogrammen der Amerikaner teilgenommen hatte. Scahill spricht mit verschiedenen Angehörigen, die ihm Videos von dem Fest in der dramatischen Nacht zu Verfügung stellen – die letzten Bilder der Verstorbenen. Ein Angehöriger erzählt, die Amerikaner hätten mit Messern Kugeln aus den Körpern der Opfer geschnitten. Sie wollten die Morde, die offenbar Resultat völlig falscher Informationen waren, vertuschen.

Mit den Recherchen in Afghanistan beginnt für Scahill eine "Reise, die mein Leben verändern sollte". Sie führt ihn in den Südjemen in die Region Al Majalah, wo er die Hintergründe eines JSOC-Angriffs recherchiert, bei dem im Jahr 2009 46 Menschen umkamen, rund die Hälfte davon Kinder. Weiter geht es nach Somalia, wieder zurück in den Jemen – und zwischendurch macht Scahill auch noch einen Exkurs zum Irak-Krieg. 

Plädoyer für den Beruf des Kriegsreporters

Der Regisseur und Kameramann Rowley findet aber stets genug Zeit, den Protagonisten bei der alltäglichen Arbeit zu zeigen: wie er zum Teil geschwärzte Dokumente studiert, auf seinem Tablet Texte und Grafiken vergrößert oder Computerausdrucke an die Wand pinnt. Letzteres erinnert, wie auch die mit Post-its versehenen Fotos auf Scahills Schreibtisch, an die Arbeit mancher fiktiver Ermittler, etwa aus der Krimiserie The Wire. Trotz der verstörenden Dinge, die Scahill gesehen und gehört hat und die er dem Zuschauer vermittelt, ist Schmutziger Krieg – so zynisch das klingen mag – auch eine Art Werbefilm für den Beruf des Journalisten, zumindest für jene Vertreter, deren Geschäft die Gefahr ist.

Rowley findet eine rasante Bildsprache: aus dem Hubschrauber gefilmte Szenen, Handyvideobilder, Kampfimpressionen, CNN-Ausschnitte. Als Kontrapunkt dient allenfalls die Musik des preisgekrönten Kronos Quartetts, das einige Stücke für den Soundtrack eingespielt hat. Einen Eindruck davon, wie viel Material Scahill gesammelt hat, gibt der Umfang seines Buchs: Es ist 720 Seiten dick. Den Inhalt auf eine rund 90-minütige Filmfassung zu komprimieren, war sicherlich keine leichte Aufgabe. Die deutsche Fernsehfassung, die der NDR hat produzieren lassen, ist gar nur 45 Minuten lang. Die vollständige Version läuft Anfang des kommenden Jahres im Kino.

Dem Zuschauer wird viel abverlangt

Da liegt es in der Natur der Sache, dass manche Details zu kurz kommen. Das gilt für Scahills Auftritt vor dem Rechtsausschuss des US-Repräsentantenhauses, wo er seine Recherchen zum Massaker von Gardez vortragen und mehr zu den Hintergründen erfahren will. Der Vorsitzende Jim Sensenbrenner eröffnet die Sitzung ordnungsgemäß, allerdings ist er außer Scahill die einzige Person im Saal, weil es die anderen Mitglieder nicht für nötig befunden haben, überhaupt aufzutauchen. Nach wenigen Worten steht Sensenbrenner auf und geht, denn auch er ist nicht bereit, sich mit der Sache zu befassen. Diesem absurden Theater geben Rowley und Scahill nur wenig Raum.

Ähnliches gilt für Bilder, die in Mogadischu entstanden, wo Scahill den somalischen Warlord Indha'adde trifft, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat – von einem Feind der Amerikaner zu einem gnadenlosen Antiterror-Kriegsdienstleister. Vor dem Interview-Ausschnitt ist noch eine Schießerei zu sehen, in die Scahill hinein gerät. Auch für die übrigen Mitglieder der Crew dürfte die Situation nicht ungefährlich gewesen sein. Andere Filmemacher würden solche Bilder ins Zentrum stellen, in Schmutzige Kriege sind diese Szenen aber kaum mehr als etwas größere Schnipsel.

Die Drohnentoten

Es mangelt weder an Schauplätzen noch an Personal. Somit verlangen die Filmemacher dem Zuschauer viel ab, lassen ihn bisweilen nervös zurück. Das ist dem Gegenstand des Films durchaus angemessen. Eine stille, abgehangene Dokumentation lässt sich zu dem Thema kaum drehen.

Der Film endet mit einer Betrachtung eines Mordes, den die JSOC-Kämpfer 2011 an einem amerikanischen Staatsbürger im Jemen verübt haben. Abdulrahman al-Awlaki, 16 Jahre alt und Sohn des radikalen Predigers Anwar al-Awlaki, wurde durch einen Drohnenangriff "vom Angesicht der Erde getilgt", wie Scahill es formuliert. Kurz nachdem sein Vater, auch er Amerikaner, ebenfalls durch eine Drohne getötet worden war. Der Tod des 16-Jährigen dient Rowley und Scahill dazu, einen Bogen zurückzuschlagen zum Beginn des Films. Wieder sind private Videos zu sehen, wieder kommen, wie nach dem Massaker im afghanischen Gardez, Hinterbliebene zu Wort (in diesem Fall die Großmutter des Toten). 

Der Journalist versucht, sich selbst zu erklären, welche "Logik" hinter der Ermordung des Teenagers stecken könnte: Er sei wohl getötet worden "für das, was er eines Tages möglicherweise tun würde". Scahills bitteres Fazit lautet: "Diese Geschichte hat kein Ende." Es gibt keine realistische Aussicht darauf, dass diese Art der Kriegsführung ein Ende haben wird.

"Schmutzige Kriege" läuft in der Nacht zum Freitag, dem 29. November, um 0.00 Uhr in der ARD.