Unter andern Umständen könnte man sich Alois Nebel als glücklichen Menschen vorstellen. Seit Jahr und Tag sitzt er an diesem kleinen Bahnhof in der tschechischen Provinz, fertigt Züge ab und lässt das Leben um sich herum geschehen. Hinter seinem Rücken drehen die Kollegen krumme Dinger mit den Generälen der in der Nähe stationierten Sowjetarmee, auf der Plattform wird ein Mann verhaftet, von dem es heißt, er werde in Polen wegen Mordes gesucht. Die Stimmung ist angespannt, in diesem Sommer 1989. Doch Alois Nebel kümmert das nicht. Er gibt morgens dem Kater seine Milch, gönnt sich abends mal ein Bier und liest zur Entspannung gerne Fahrpläne. Seinetwegen könnte es so weitergehen.

Doch Alois Nebel hat Visionen, regelrechte Erinnerungsattacken, die ihn in immer kürzeren Abständen heimsuchen. Er sieht Züge, die in keinem Fahrplan mehr vermerkt sind. Züge, die aus einer dunklen Vergangenheit kommen und nie für lange verschwinden.

In Tomás Lunáks bildgewaltiger Verfilmung des tschechischen Kult-Comics Alois Nebel sieht sich der Titelheld immer wieder als kleiner Junge auf den Armen seines Vaters. Er hört Schüsse und Schreie, blickt in das angstverzerrte, bis zur Unkenntlichkeit überbelichtete Gesicht einer jungen Frau, die ihm offenbar einmal viel bedeutet hat. Später erfahren wir, dass sie Dorothee hieß und sein deutsches Kindermädchen war. Was ist mit ihr passiert? Mit all den anderen, die nach Kriegsende aus der neugegründeten Tschechoslowakei verschwanden?

Wer die endlose deutsche Debatte um das Schicksal der Sudetendeutschen noch im Ohr hat, staunt, mit welcher Souveränität die tschechischen Erfinder von Alois Nebel die Vertreibung der Deutschen zum kollektiven Trauma erklären, an dem sich ein einzelner Eisenbahner stellvertretend für seine Landsleute abarbeitet. Man kann also über die Untaten der Tschechen sprechen, ohne sie zwanghaft mit denen der Nazis zu verrechnen. Und man kann, was aus deutscher Sicht noch bemerkenswerter ist, das Thema für die Popkultur reklamieren, wenn man nur den richtigen Ton trifft.

Doch man würde der unsentimentalen, der Legende nach in einer Kneipe entstandenen Comic-Vorlage von Jaroslav Rudis und Jaromir Svejdík nicht gerecht, sähe man darin nur eine erinnerungspolitische Intervention. Mit harten, bisweilen ins Expressionistische lappenden Schwarz-Weiß-Bildern erzählte ihre Alois-Nebel-Trilogie eine atmosphärisch dichte Geschichte vom Leben in der tschechischen Provinz, von Schiebern, Kleinkriminellen, Drop-Outs, die dort eine vorübergehende Heimat fanden.