Der 11-jährige Jackson schleppt zwei Stunden lang einen Wasserkanister durch die kenianische Steppe. Jeden Tag muss er neu entscheiden, welcher der richtige Weg ist, und erklärt dabei seiner kleinen Schwester, wie auch sie die Anzeichen auf eine bedrohliche Elefantenherde entdecken kann. Zahira, 12, nimmt ein lebendes Huhn mit, wenn sie jeden Montag vier Stunden lang über enge Bergpfade durchs marokkanische Atlasgebirge wandert. Am Ende des Weges tauscht sie das Huhn auf einem Markt gegen getrocknete Früchte für die Schulwoche. Die zwei kleinen Brüder des 13-jährigen Samuel aus Bengalen schieben ihn in einem selbstgebastelten, rostigen Rollstuhl über unbefestigte, vermüllte Wege, durch einen Bach und über einen sandigen Hügel. Carlito (11) ist der privilegierteste der vier Helden des Dokumentarfilms Auf dem Weg zur Schule. Er besitzt ein Pferd, mit dem er sich und seine Schwester über das rutschige Geröll der patagonischen Berge in Argentinien balanciert.

Der Regisseur Pascal Plisson ist eigentlich Tierfilmer, aber er begegnete mitten in der Wildnis von Kenia immer wieder Kindern, die abenteuerliche Wege zurücklegten, um in die Schule zu kommen. Das brachte ihn auf die Idee, einmal nicht Tiere, sondern Kinder zu beobachten. Dafür hat er sich seine Protagonisten sorgsam in verschiedenen Ecken der Welt ausgewählt: Schüler, für die das Lernen unendlich wertvoll ist, die nach Wissen fiebern, um ihr Leben oder das der Familie zu verbessern.

Er hat all jene Kandidaten aussortiert, die zwar auf ungewöhnliche Weise zum Unterricht kommen, aber die Strapazen nur auf sich nehmen, weil es in der Schule etwas zu essen gibt oder die Eltern Bildung für selbstverständlich halten. Deshalb ist sein Film nicht nur ein grandioser Naturfilm mit wunderschönen Bildern von Steppen, Geröllpisten, kargen Berghängen und mutigen Kindern geworden. Der Film ist auch ein Loblied auf die Lust am Lernen. Plissons vier Helden haben alle ein großes Anliegen: Zahira zum Beispiel will Ärztin werden, obwohl die meisten Familien aus ihrem Dorf ihre Töchter gar nicht in die Schule schicken. Samuel wäre normalerweise von jedem Zugang zu Bildung und Zukunftsperspektiven abgeschnitten, würden seine Brüder nicht jeden Morgen lachend und scherzend diesen Kraftakt unternehmen, ihn zur Schule zu schieben.

Trotz des aufwändigen Castings bleibt Plissons Haltung die des Dokumentarfilmers: Er inszeniert nur selten. So wirken die Gespräche zu Hause mit den Familien am Morgen arg nachgestellt und verkrampft, was allein schon daran liegt, dass der Film ins Deutsche synchronisiert worden ist. Untertitel hätten die Dialoge authentischer wirken lassen. Großartig wird es jedoch, wenn Plisson den Kindern diskret folgt, sich ganz viel Zeit dafür nimmt, sie zu beobachten, wie sie sich in einer – für unseren von Wohlstandssorgen verstellten Blick – viel zu großen Kulisse bewähren.

Er zeigt die Kinder sehr liebevoll. Wie Jackson am Abend Wasser aus dem sandigen Boden neben der Hütte der Eltern buddelt, ist so eine Szene. Der Junge wäscht seine Schuluniform in dem Loch und füllt die zwei kleinen Plastikkanister für sich und seine Schwester, weil er am nächsten Morgen unbedingt ordentlich und pünktlich in die Schule kommen will. Er darf die Fahne vor Unterrichtsbeginn hissen. Obwohl seine Schwester und er diesmal doch von einer Elefantenherde überrascht werden und den letzten Rest ihres Weges rennen müssen, ist er rechtzeitig da. Als der Lehrer seine Schüler zählt und feststellt, dass alle anwesend sind, lobt er nicht Disziplin und Pünktlichkeit, sondern dankt dem Schicksal, dass alle lebendig angekommen sind. Der Zuschauer bleibt demütig zurück.