Es ist klirrend kalt an diesem Dezembermorgen 1849. Fjodor Dostojewski steht auf einem Paradeplatz in Sankt Petersburg und erwartet seine Hinrichtung. Gerade einmal 28 Jahre alt ist der russische Schriftsteller, er hat den Roman Arme Leute und einige Erzählungen veröffentlicht. Nun soll er erschossen werden, wegen revolutionärer Umtriebe gegen den Zaren. Drei seiner Mitangeklagten stehen schon am Pfahl, weiße Kapuzen verhüllen ihre Köpfe, die Gewehre werden angelegt.

Im letzten Moment verkündet ein Kurier des Zaren die Begnadigung der Verurteilten: Statt der Todesstrafe warten vier Jahre Zwangsarbeit im sibirischen Lager. So beginnt die Erzählung der siebenteiligen Fernsehserie Dostojewski, die Arte vom 5. Dezember an ausstrahlt.

Eine Strafmilderung mit weitreichenden Konsequenzen. In den folgenden drei Jahrzehnten sollten Romane wie Schuld und Sühne und Der Spieler aus Dostojewskis Feder fließen, Der Idiot und Die Brüder Karamasow. Werke von Weltbedeutung, geprägt von den Erfahrungen der Lagerhaft, von Dostojewskis Krankheit, der Epilepsie, von Spielsucht und ständiger Geldnot.

Das Böse im Menschen

Die russische Fernsehserie, koproduziert von Arte und dem MDR, setzt mit dem Ende der Lagerhaft ein. Dostojewski (gespielt von Jewgeni Mironow) muss als Soldat dienen, sein schriftstellerisches Schaffen stockt. Es fällt ihm schwer, die Erfahrungen im Lager in Worte zu fassen, die Bekanntschaften mit Dieben und Mördern, körperliche und seelische Leiden. Gedanken über das Böse im Menschen treiben ihn um. "Alles, was gut ist, was schlecht ist, das steckt schon im Menschen drin", so meint er. "An die Schuld der Umstände glaube ich nicht."

Dostojewski kommt politisch gemäßigt aus der Haft, dafür aber psychologisch geschult. In seinen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus porträtiert er später die Gestalten des Lagers, Insassen wie Aufseher. Er beschreibt Bestrafungsriten und macht das Zuchthaus zur Metapher für die Gesellschaft.

Seine Ehen müssen scheitern

Bei aller literarischen Sensibilität scheitert Dostojewski im Privaten ein ums andere Mal. Seine erste Ehe zur schwindsüchtigen Marija Issajewna (Tschulpan Chamatova) ist in der Serie schon bald geprägt von beklemmender Lieblosigkeit und endet in Verachtung. Anfangs nennt ihn seine Frau "trauriger, arme Ritter", später wirft sie ihm nur noch ihr Bedauern entgegen, "keine deiner Romanheldinnen" zu sein.

Immer wieder stürzen Verlockungen Dostojewski ins Unglück, Affären sind ein Laster, von dem er nicht lassen kann. "Warum ist in dir so viel Schmerz, so viel krankhafte Wollust", will die Feministin Polina Suslowa in einer gemeinsamen Liebesnacht wissen, "so als ob du vor allem fliehen und sterben wolltest."

Ins andere Laster treibt Dostojewski die finanzielle Not, und es reißt ihn selbst noch tiefer hinein: In den Kasinos von Baden-Baden und Wiesbaden lässt er sein weniges Geld, die Sucht nach dem Roulette inspiriert ihn schließlich zum Roman Der Spieler.