Seit Tagen kämpft der Mann. Um sein Schiff, um sein Leben. Gegen die Natur, die keine Spur von Anteilnahme zeigt und gegen den Sturm, der sich einfach nicht legen will. Jetzt liegt er erschöpft in seinem Rettungsfloß, einem winzigen Stück Plastik inmitten des endlosen Ozeans. Einen Kanister mit Trinkwasser konnte er retten und nun will er sich endlich einen Schluck gönnen. Aber Salzwasser hat die vielleicht rettende Ration verseucht. Nie kam im Angesicht seiner verzweifelten Lage ein Ton über die Lippen des Mannes, sogar beim Anblick seines versinkenden Schiffes schwieg er. Jetzt aber lehnt er sich zurück und schreit, krächzend zunächst und dann mit der Kraft der Verzweiflung: "Fffffuuuuuuck!". Es bleibt eines der wenigen Worte, die Robert Redford in seiner größten Rolle seit Jahrzehnten sagen wird.

Es gibt noch ein paar dürre, umso berührendere Sätze aus dem Off, die dem Ein-Mann-Drama All is Lost vorangestellt sind: der Abschiedsbrief, den die namenlose Figur des einsamen Seglers schreibt. Wem er Lebewohl sagt, wird nicht ganz klar. Seiner Familie wahrscheinlich, Freunden vielleicht, wenn er die hatte. Der Welt und dem Leben auf jeden Fall. Denn darum dreht sich der Film: Was bleibt übrig vom Leben, wenn wir alles verlieren, von dem wir glauben, dass es uns ausmacht? Wie bereiten wir uns auf den Tod vor, den wir so sorgfältig ausschließen aus unserem Alltag und der doch auf uns wartet, und sei es in Form eines Containers, der mitten im Meer schwimmt und ein Leck in unser Segelboot reißt?

All is Lost ist in seinem trockenen Realismus, in seinem unsentimentalen Hinschauen natürlich inspiriert von Hemingways Der alte Mann und das Meer. Aber J. C. Chandors Film ist noch knorriger als die Novelle, in der Hemingway seine klare Prosa mit Mystik und Surrealismus auflud. In All is Lost sucht man vergeblich nach einer Überhöhung. Die Tiefe und Dichte des Films entsteht allein aus ruhigem, konzentriertem Beobachten. Auch auf dramaturgische Krücken verzichtet Chandor. Kein Wilson weit und breit. Nicht einmal ein Ersatz wie der Volleyball, dem Tom Hanks als Verschollener in Cast Away (2000) seine Gefühle anvertraute. Was in Robert Redfords Figur vorgeht, muss das Publikum erahnen.

Der Mann bleibt ein Schattenriss, eine Chiffre. Man vermutet lediglich, dass er vor irgendetwas davonsegelte. Ob vor Verantwortung oder vor den Wunden, die das Leben schlug – wir wissen es nicht. Das häufigste Wort in seinem Abschiedsbrief jedenfalls ist "Verzeihung". Seinen Überlebenswillen schmälert das nicht. Der alte Mann kämpft um sein Leben, er will es nicht einfach so hergeben. Hinter den zusammengepressten Lippen Redfords und in diesen wachen Augen liegt eine stoische Ruhe, ein abgeklärter Fatalismus im Angesicht des Untergangs. Er wird seine Haut so teuer wie möglich verkaufen, aber falls der Tod jetzt kommt, ist er bereit.