ZEIT ONLINE: Herr Jarmusch, Only Lovers Left Alive feiert die ewige Liebe, Sie zeigen nicht den Moment, in dem sich zwei Menschen ineinander verlieben, nicht den rosaroten Anfang, sondern den Fortbestand einer Liebe – noch nach Jahrzehnten. Was ist das Schöne an diesem Zustand?

Jim Jarmusch: Das Geheimnis einer schönen Liebesgeschichte ist wohl, den anderen zu akzeptieren und sich nicht zu wünschen, er wäre anders. Im Film nehmen Adam und Eve sich so, wie sie sind. Keiner von beiden ist perfekt. Auf eine bestimmte Art ist Adam durchaus problematisch. Er ist ziemlich romantisch, etwas gequält und Hamlet-artig, aber Eve liebt ihn und möchte bei ihm sein. Und er liebt ganz offensichtlich sie. Ich mag die Szene, in der Eve ein altes Foto von sich und Adam betrachtet und sagt: "Ah, der 23. Juni 1868 – unsere dritte Hochzeit." Das kommt ganz spontan und zeigt, dass die beiden vermutlich seit Jahrhunderten zusammen sind.

ZEIT ONLINE: Das geht nur, weil sie Vampire sind. Wir Menschen sprechen zwar von "unsterblicher Liebe". Können nur Unsterbliche wie Ihre Vampire die erleben?

Jarmusch: Meine Vampire sind keine Zombies oder toten Monster, die sich von unserem Fleisch ernährten. Sie sind Menschen. Ich habe sie lediglich in einen anderen Zustand versetzt. Jetzt müssen sie sich von Blut ernähren. Und sicher: Wie diese Vampire können auch wir ewig lieben.

ZEIT ONLINE: Haben Sie diesen Zustand der fortdauernden Liebe mit Ihrer Partnerin erreicht?

Jarmusch: Oh ja, und auch bestimmt wegen der gegenseitigen Akzeptanz. Unsere Liebesgeschichte – oder meine Liebesgeschichten, denn es gibt nicht nur eine – sind auseinandergelaufen, wieder zurückgekommen, haben sich verändert. Aber die längste besteht, weil wir uns gegenseitig so respektieren, wie wir sind. Wenn wir das nicht täten, wären wir nicht mehr zusammen. Oder nicht wieder.

ZEIT ONLINE: Adam und Eve lieben sich sehr, leben aber getrennt und Sie deuten nur einmal an, dass sie Sex miteinander haben. Wird Sex in Beziehungen überschätzt, oder stellen Sie ihn nur nicht dar?

Jarmusch: Das ist eine sehr komplizierte Frage. Einmal habe ich Notizen für ein Drehbuch geschrieben, das ich nie verfilmt habe, über zwei junge Menschen auf einer Art Roadtrip. Die beiden waren so typische amerikanische Kids und hatten die ganze Zeit Sex. Aber ich war immer sehr zurückhaltend darin, Sex in meine Filme einzubauen. Dabei gibt es wunderschöne Sexszenen in anderen Filmen. Meist wirkt er jedoch entweder belanglos oder erklärend oder unrealistisch. Wenn ich einen Film mache, in dem Sex tatsächlich als Szene vorkommt, dann möchte ich ihn leidenschaftlich, lustig, dumm, beiläufig, tief, lang, langsam, schnell, lustig, heißblütig, akrobatisch, im Einklang, tantrisch, sehr technisch. Wenn man Sex in einem Film abbildet, reduziert man ihn meist auf eine dieser Eigenschaften und sagt damit: Das ist die Art Sex, den diese beiden haben. Ich kann mich überhaupt nur an einen Film erinnern, in dem meine Protagonisten miteinander schlafen.

ZEIT ONLINE: In Mystery Train

Jarmusch: Ja, und da hat er sofort einen Orgasmus. Sie haben Sex und dann ist es auch schon gleich wieder vorbei. Das ist lustig, weil sie sehr jung sind. Das Mädchen sagt dann ganz lässig: "Ist schon okay." Aber, oh, Junge!

ZEIT ONLINE: … und in Dead Man verbringen Blake und das Blumenmädchen eine Nacht miteinander.

Jarmusch: Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe Dead Man seit 1995 nicht mehr gesehen. Mystery Train seit 1989. Ich sehe meine Filme nicht mehr an, wenn sie einmal fertig sind. 

ZEIT ONLINE: Sie sollten sie sich noch einmal anschauen. Es sind wirklich tolle Filme!

Jarmusch: Tatsächlich? Ach, ich glaube, ich will das nicht mehr sehen.

ZEIT ONLINE: Adam nennt die Menschen im Film nur "die Zombies". Was an dieser Einschätzung entspricht ihrer eigenen?

Jarmusch: Die Menschen benehmen sich wie Schafe. Sie akzeptieren und folgen blind irgendwelchen Ideen, ohne auch nur nachzudenken. Das ist so frustrierend. Sehen Sie sich zum Beispiel die Szene an, in der Adam sich über das Drahtwirrwarr ärgert, das die Elektroinstallation seines Hauses darstellen soll. Wir leben im 21. Jahrhundert und haben so ein überirdisch verlegtes Kabelgewirr? Soll das ein Scherz sein? Wir müssen für Energie bezahlen, weil Firmen sie kontrollieren. Es ist das Jahr 2013 und wir fahren Fahrzeuge mit fossilem Brennstoff? Zudem werden jeden Tag Menschen damit umgebracht. Die verarschen uns doch. Solche Dinge machen mich wahnsinnig. Der Mensch muss dumm sein.