Verfolgung, Genozid, Mord. Gerade mal 27 Jahre war der US-amerikanische Jurist Benjamin Ferencz alt, als er während der Nürnberger Prozesse die Anklagepunkte gegen die Mitglieder der sogenannten "Einsatzgruppen" vortrug: gut 3.000 Männer, die während des Russlandfeldzuges zwischen 1941 und 1943 von Dorf zu Dorf zogen, um vor allem jüdische Zivilisten mit Pistolen und Gewehren systematisch zu erschießen. Männer, Frauen, sogar Kinder und Säuglinge. "Ein klarer Fall von Massenmord", sagt Ferencz rückblickend in der Dokumentation Das radikal Böse. "In der Geschichte einzigartig". Und zutiefst verstörend. Im Laufe des Prozesses wurde ihm und seinen Mitanklägern klar: Die Naziverbrecher waren keine wilden Bestien, wie lange Zeit vermutet, sondern psychisch gesunde, ganz normale Männer.

Nach The Act of Killing, der vor zwei Monaten in den Kinos anlief,  beschäftigt sich nun auch der Film des österreichischen Regisseurs und Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky in seinem neuen Film mit der Frage: Wie werden Menschen zu Massenmördern? Was treibt sie an? Was fühlen sie, wenn sie ihre Opfer erschießen? Und ja, kann Morden zur Routine werden? Schätzungen zufolge kamen allein während dieser Einsätze zwei Millionen Juden ums Leben, ein Drittel aller Holocaust-Opfer.

Um herauszuarbeiten, wie die Männer tickten, greift Ruzowitzky auf sehr unterschiedliche Elemente zurück. Gekonnt verschachtelt er Archivbilder und alte Filmausschnitte, Auszüge aus Berichtsheften, in denen die Anzahl der getöteten Juden festgehalten wurde, Gerichtsprotokolle, Zeugenaussagen und szenische Rekonstruktionen sozialpsychologischer Experimente. Bekannte deutsche Schauspieler wie Alexander Fehling, Benno Fürmann und Devid Striesow lesen Originalzitate aus Tagebüchern und Briefen der Wehrmachtssoldaten vor. Dazu spielen Laiendarsteller Szenen aus dem Soldatenleben nach, posieren für Gruppenfotos oder blicken einfach nur in die Kamera.

Diese Vielschichtig- und Vielstimmigkeit machen den Film sehr besonders. Man folgt der Erzählung von Yosyp Pateskyi aus Bibrka in der heutigen Ukraine, der als kleiner Junge zusammen mit seinen Freunden im Auftrag der deutschen Soldaten die Grube für seine jüdischen Mitbürger ausheben musste. Man liest in den Protokollen von damals die absurden Zahlen: Ukmerge – 298 Juden, 255 Jüdinnen, 88 Judenkinder; Lazdijai – 485 Juden, 511 Jüdinnen, 539 Judenkinder. Schlag auf Schlag, fast täglich ein anderes Dorf. Man beobachtet, wie leichtfertig sich im Milgram-Experiment Testpersonen autoritären Anweisungen unterordnen und andere Testpersonen mit Stromstößen traktieren. 65 Prozent nehmen sogar deren Tod in Kauf. Man vernimmt aus dem Off Zeilen der Soldaten an die Familienmitglieder zu Hause: "Männer, Frauen, Kinder – alles umgelegt, die Juden werden gänzlich ausgerottet, liebe Heidi, mach dir keine Gedanken darüber, es muss sein." Man blickt in die mitunter erschreckend jungen, noch pubertierenden Gesichter der Laienschauspieler, die vollkommen neutral, völlig leer, völlig austauschbar sind. Zwischen den Erschießungen jagen die Jedermanns einem Fußball hinterher, prosten sich am Lagerfeuer mit Bierflaschen zu oder stürzen sich zur Abkühlung in einen See.

Die Erkenntnis sickert durch: Das waren damals Menschen wie du und ich, sie machten mit, weil alle mitmachten. Sie hatten Angst davor zu versagen, wollten ihre Kumpels nicht im Stich lassen und auch ihre Karriere nicht gefährden. Nach dem ersten Mal versteckten sich die Jungs zwar noch kotzend im Wald, verspürten Ekel, Schuld, Wut – doch hochgepusht durch die menschenverachtende Nazi-Propaganda gelangten sie ziemlich schnell zur festen Überzeugung, dass diese "Drecksarbeit" einfach getan werden muss. "Minderwertiges Leben" vernichten, um die Menschheit zu heilen oder wie ein Soldat in seinem Tagebuch schreibt: "Menschenskind, verflucht nochmal, eine Generation muss dies halt durchstehen, damit es unsere Kinder besser haben." Sie waren stolz, dem Führer helfen zu können, auch ihre Pflicht getan zu haben. Gegen Gewissensbisse zwischendurch half eine Sonderration Schnaps.

Gleich sechs Experten begleiten die Zuschauer durch den Film: neben dem einstigen Chefankläger Benjamin Ferencz der Psychiater Robert Jay Lifton, der Theologe Patrick Desbois, der Historiker Christopher Browning, der Sozialpsychologe Roy Baumeister und der Militärexperte Dave Grossman. Sie analysieren, erklären, ordnen ein. Was unterscheidet die Shoah von anderen Völkermorden? Warum stellten die Soldaten die Richtigkeit ihres Handelns selbst dann nicht infrage, als einige ihrer Kumpels in Irrenanstalten landeten? Kann sich so ein Exzess in Europa, in den USA wiederholen? Aus welchem Grund fanden die Erschießungen selbst vor eingeladenen Schulklassen statt? Und warum verweigerten sich so wenige, obwohl die Sanktionen milde waren: mehr putzen, öfter Wache schieben, die ein oder andere abfällige Bemerkung.