Warum sendet das öffentlich-rechtliche Fernsehen so viele Kriminalfilme? Weil das Publikum sie sehen will. Der Tatort erzielt seit Jahren die höchsten Einschaltquoten. Und weil die Sender nach der Quote schielen, vermehren sie die Zahl der Kriminalfilme.

Waren es in den achtziger Jahren nur zwölf Tatorte pro Jahr, so hat sich die Zahl unterdessen verdreifacht. Es kommt die Serie Polizeiruf 110 hinzu und auch viele andere Filme sind Krimis. Das ZDF, neidisch auf den Erfolg der ARD, beeilt sich, mit eigenen Serien Zuschauer zu gewinnen.

Der Spiegel hat ausgerechnet, dass 37 Prozent jener Zeit, die Fernsehzuschauer mit Filmen verbringen, auf Krimis entfallen. Das Seltsame ist, dass die Kriminalstatistik bei Mord und Körperverletzung Rückgänge verzeichnet, während die Zahl der Morde im deutschen Fernsehen zugenommen hat. Im Jahr 2013 gab es 76 Tatort-Tote. Die meisten davon (23) wurden erschossen, die anderen wurden erstochen, erschlagen, erstickt, erdrosselt, ertränkt oder vergiftet.

Ich gestehe, dass ich an Krimis nicht interessiert bin. Tatort-Filme habe ich mir zwei- oder dreimal angeschaut. Ich weiß, dass es in diesem Land nicht wenige widerwärtige oder unglückliche Menschen gibt, die aus Not oder Gier andere Menschen umbringen, und ich sehe keinen Grund, mir die Tristesse dieser Tatsache durch naturalistische Fernsehfilme bestätigen zu lassen.

Da ich meinen Fernsehapparat nur selten einschalte, stört mich der allgemeine Krimiwahn nicht allzu sehr. An den Feiertagen jedoch, als ich mich faul und satt ins Programm einschalten wollte, als am Neujahrstag ein Tatort kam, am folgenden Sonntag gleich zwei Tatorte nacheinander und am darauffolgenden Mittwoch schon wieder ein Krimi, fragte ich mich, ob dieses doch allem in allem sichere Land keine anderen Wünsche hat, als Gemeinheit und Niedertracht am Werk zu sehen.

Deutsche Städte, die harmloser kaum vorstellbar sind, erscheinen plötzlich als Schauplätze des Verbrechens, darunter sogar Wiesbaden. Ulrich Tukur, der im Wiesbadener Tatort nach Kräften ermittelt, hat einmal bemerkt, es gebe wohl keine deutsche Großstadt, die nicht über einen Tatort-Kommissar verfüge. Der einzige Trost dabei ist, dass die Aufklärungsquote der Fernsehermittler bei 99 Prozent liegt, während sie im kriminellen Alltag nur 54 Prozent beträgt.

Da ich offenbar zu einer Minderheit gehöre, werde ich mich damit abfinden, dass die ARD zum allerbeliebtesten und allerkompetentesten Krimisender geworden ist, der mit seinen Tatort-Quoten die Konkurrenz vor sich herjagt. Er tut ja auch – mithilfe der Zwangsgebühr – etwas durchaus Gutes: Er demonstriert, dass das Böse auf Dauer keine Chance hat, jedenfalls nicht in der ARD.

Ich hatte am Neujahrstag übrigens doch noch Glück. Auf 3sat lief Billy Wilders Komödie Manche mögens heiß. Nun ist es keine Kunst, einen mehr als 50 Jahre alten Hollywood-Film zu senden. Aber dieses schauspielerische Können, dieses Tempo an Witz und Verwechslung, dieses Ausmaß an künstlerischer Intelligenz – es war eine Labsal. Ein paar Burschen wurden dabei erschossen, aber das geschah ihnen nur recht.