Aufruf zum Widerstand: Nelson Mandela (Idris Elba) spricht auf einer Kundgebung © Senator Film Verleih

Der Regisseur Justin Chadwick stützt sich auf die Autobiografie Mandelas, pflügt pflichtbewusst durch die Vita des vor Kurzem verstorbenen Friedensnobelpreisträgers, doch sein Biopic Mandela: Long Walk To Freedom wirkt wie verfilmte Wikipedia. Der Engländer, der sich mit The Other Boleyn Girl hervorgetan hat, hakt in 141 gehetzten Minuten nur Eckdaten ab. Ein Jahrhundertleben als Curriculum Vitae.

Es ist ein Möchtegernepos in der Ästhetik eines Coffee-Table-Books, beginnend mit einer Slow Motion von schwarzen Kindern, die durch ein Feld rennen. Blendenflecken spiegeln auf der Linse, die Sonne senkt sich über den Hügeln der Transkei, und der junge Nelson Mandela wird im Ritual der Xhosa, seines Volks, zum Mann. Die Kamera beschwört die Ankunft eines Messias.

Aus dem Off spricht Mandela (Idris Elba): "Mein Vater hat mich 'Rolihlahla' genannt, Troublemaker. Aber", sagt Mandela, "ich wollte keinen Ärger machen. Ich wollte nur, dass meine Familie stolz ist."

Bevor er zum Troublemaker wird, ist Mandela ein pfiffiger Junganwalt. Gewitzt verteidigt er vor Gericht ein schwarzes Dienstmädchen, dem Diebstahl vorgeworfen wird. Der Anzug sitzt, Mandela läuft mit einem dicken Buch unter dem Arm durch die Straßen Johannesburgs. Es sind die frühen vierziger Jahre. Der African National Congress, die Protestbewegung, will den Charismatiker für ihre Belange gewinnen, doch der hat anderes im Sinn. Nelson geht gern feiern, er ist ein Charmeur, ein unverbesserlicher Womanizer.

Justin Chadwick zeigt den jungen Mandela auch als einen Fremdgeher, der sich nicht um seine Kinder kümmert, als einen Hitzkopf, der sogar handgreiflich wird gegenüber seiner ersten Frau. Hier ist der Film am stärksten, weil er die Legende auf Lebensgröße zurechtstutzt. Das Porträt nimmt aber nur kurz Konturen an. Weder Chadwick noch der Drehbuchautor William Nicholsons (Les Misérables, Gladiator) halten sich lange mit dem "Menschen" Mandela auf. Lieber gehen sie über zur einmaligen Lovestory: Nelson lernt die Sozialarbeiterin Winnie (überspielend: Naomie Harris, Skyfall) kennen. Winnie sagt: "Ich habe gehört, du hattest viele Freundinnen – eine wie mich hattest du noch nicht." Dann, einmal verträumt geblinzelt, sind wir schon in den sechziger Jahren. Die Situation eskaliert, weiße Polizisten schießen Schwarze nieder. Mandela tritt jetzt doch dem African National Congress bei. Er spricht große Worte vor immer größeren Menschenmassen. Einmal spricht er in einem Kino, auf der Leinwand läuft das Melodram The Last Time I Saw Paris. Mandela bemerkt, dass Elizabeth Taylor halt doch keine Sophia Loren sei, dann ballt er die Faust. "Fight, fight, fight!"

Die Straßenkämpfe sind mit Archivaufnahmen überschnitten, wie im Musikvideo ist das montiert. Der Cutter Rick Russell, der aus der Werbung kommt, hat die Krawalle zum Takt von Bob Marley und Public Enemy arrangiert, auch U2 fehlen nicht. Der Horror der Geschichte geht in Pop auf. Long Walk To Freedom verliert sich im Stilwillen eines Regisseurs, dem das zweifelhafte Kunststück gelingt, selbst die 27 Jahre, die Mandela im Gefängnis sitzt, kurzweilig wirken zu lassen. Nein, Chadwick ist kein Steve McQueen, der in 12 Years A Slave gerade so eindringlich vom Eingesperrtsein erzählt. Auch bleibt bei Chadwick im Vagen, wie aus dem Untergrundkämpfer im Gefängnis der große Versöhner geworden ist.

An Idris Elba, dem Briten, bekannt etwa aus der Fernsehserie Luther, liegt es nicht, dass dieser Film-Mandela ein Entwurf bleibt. Elba sucht, anders als der Regisseur, seinen eigenen Zugang zum Porträtierten, er versteift sich nicht aufs Imitieren, er ist gut. Doch er hat einen schweren Stand, auch weil ihm die Maskenbildner mit zu dick aufgetragener Schminke reinpfuschen.

Chadwick hat sich grandios übernommen. Mandela: Long Walk To Freedom ist überfrachtet und leer zugleich, in seiner Oberflächlichkeit gerät der Film fast zur Hagiographie. Das ganze Leben des Nelson Mandela ist einfach zu viel Plot für einen Film. Dafür hätte es doch mindestens einer Miniserie bedurft.