Die Verletzungen liegen in den beiden Filmen von Florian Eichinger lange zurück, doch die wenigsten Wunden sind verheilt. Gewalt und Demütigungen durch die eigenen Eltern, Missbrauch, ein Gattenmord aus Verzweiflung, es ist mitunter brutal zugegangen, bevor die Kameras angehen und Eichinger seine Geschichten zu erzählen beginnt. Jahre sind seit den Schrecken vergangen, die Gemüter haben sich äußerlich beruhigt, Contenance bestimmt das Verhalten. Doch die Filme sind Zeugen, wie das scheinbar geordnete Leben der Figuren wieder brüchig wird.

So auch in Eichingers neuem Werk Nordstrand, das im vergangenen Jahr im Wettbewerb des Max-Ophüls-Festivals seine Premiere feierte. Zwei Brüder um die 30 treffen darin erstmals nach langer Zeit aufeinander, im seit Jahren unbewohnten Haus der Familie auf einer Nordseeinsel. Marten (Martin Schleiß) hat den jüngeren Volker (Daniel Michel) hierhin eingeladen, er möchte die Familie wiedervereinen. Doch Volker bleibt unnahbar, er scheint sich in seinem neuen Leben als Industriedesigner eingerichtet zu haben. Das ungeliebte Haus möchte er schnellstmöglich verkaufen und so die Erinnerungen an das Geschehene abstoßen.

In Eichingers erfrischend beiläufig erzähltem Film wird dem Zuschauer erst nach und nach einsichtig, was die Familie entzweite. Während die Brüder von Mardern durchgebissene Kabel löten und das löchrige Dach reparieren, als eine Jugendfreundin die beiden am Strand überrascht und ausfragt, geht es um "damals" und um "die Beerdigung".

Die Mutter sitzt im Gefängnis, stellt sich heraus. Dem Vater ihrer beiden Söhne hatte sie eine Schere in die Brust gerammt, zermürbt von der häuslichen Gewalt, die sich vor allem gegen Volker richtete. Nun naht die Haftentlassung und Fragen von Schuld und Versöhnung treiben Marten um. Er möchte die Mutter gemeinsam mit Volker abholen, doch der blockt ab. "Ich würde nicht mal auf ihre Beerdigung gehen", sagt er trotzig und wirft dem Bruder vor, die Mutter zu romantisieren. Er selbst wolle nach vorne blicken. Doch die Traumata liegen tief, wie sich bald zeigt.

Regisseur und Drehbuchautor Florian Eichinger interessiert sich in seinen Filmen nicht für das dramatische Geschehen selbst, sondern für die Spuren, die es bei den Beteiligten hinterlässt. So verhält es sich mit seinem Langfilmdebüt Bergfest wie auch jetzt mit dem Zweitling Nordstrand. Beide Filme sind Teil einer geplanten Trilogie über häusliche Gewalt und nach einem ähnlichen Muster gestrickt.