Manchmal zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen, was es kann. Dann ist es unterhaltsam und relevant, aktuell und zeitlos, seriös und spannend, ernst und humorvoll, alles in einem und wirklich wunderbar. Sicherlich, dieses öffentlich-rechtliche Fernsehen läuft dann selten zur besten Sendezeit im Hauptprogramm, sondern kurz vorm Einschlafen oder nebenan bei Arte, jenem gediegenen Spartenkanal, den gut 78 von 81 Millionen Bewohnern von Fernsehland meiden wie Vampire das Tageslicht. Aber es gibt dieses gute, öffentlich-rechtliche Fernsehen für alle. Man muss nur ein bisschen suchen.

An einem Montag kurz vor Mitternacht zum Beispiel. Da lief gestern Steffi Wursters exzellente Langzeitbeobachtung Brot und Spiele, die Ursachen und Wirkung der 22. Winterolympiade in Sotschi so schmerzhaft seziert, dass unmissverständlich wird, was da am 7. Februar im russischen Sotschi beginnt: Putins Spiele. So hieß denn auch eine vorangehende Reportage, in der sich die ARD-Korrespondenten Golineh Atai und Udo Lielischkies – nach 23 Uhr – auf die Reise durch ein Land auf dem Weg Richtung Diktatur begeben. So heißt heute zudem ein weiterer Dokumentarfilm zum Thema, in dem der russisch-israelische Sachfilmer Alexander Gentelev, wie es so schön heißt, hinter die Kulissen blickt.


In allen drei Filmen geht es also um Olympia. Genauer: um Russland. Noch genauer: um Sotschi. Oder um ganz genau zu sein: ums wintersportliche Größtereignis einer Nation, die am Beispiel der subtropischen Sommerdestination Sotschi fast idealtypisch durchdekliniert, wie Politik in Despotien funktioniert. Das alles ist nicht nur bestens recherchiert, kreativ konstruiert, beispielhaft erzählt. Es ist auch löblich, im Entertainmenteinerlei des dualen Konkurrenzsystems überhaupt noch Sendeplätze für so viel Sachlichkeit ohne Glamour vorzuhalten. Allein: Es sind die falschen.

Angst vor Russlands Tristesse

Wenn Wladimir Putin in zehn Tagen diese, also seine Olympischen Spiele mit feierlichem Pomp eröffnet, wird das kritische Publikum vergeblich nach Produktionen der Art von Wurster, Lielischkies, Gentelev und Atai suchen. Dann regiert gut zwei Wochen der Wintersport und sonst gar nichts. Dann mögen der ARD-Programmdirektor Volker Herres und der ZDF-Chefredakteur Peter Frey noch so wohlfeil beteuern, "auch die Kehrseiten der olympischen Medaillen" zu präsentieren: "Missachtung der Rechte von Minderheiten, die mögliche Überwachung von Athleten, Umweltskandale, Kostenexplosion und Gigantismus, Korruption, Doping", wie die zwei Senderverantwortlichen in einer Hochglanzbroschüre auflisten. Doch sobald der mit dem Medaillenregen beginnt, spannen sie einen Schirm auf, der die Zuschauerseelen vor der schmuddeligen Tristesse hinterm schönen Olympiaschein bewahrt.

Dafür reicht ein simpler Blick in die Fernsehzeitschrift: Live-Events wie dieses pulverisieren naturgesetzmäßig jedes Programmschema wie Winterfrost den Schnee, sie ordnen lieb gewonnene Struktur gnadenlos der Tagesaktualität unter. Die Ski-, Eis- und Rodelnachrichtenlage dominiert selbst den Umfang von Tagesschau und heute, deren Sendezeit bisweilen sogar gekürzt wird, weil Biathlon, Halfpipe, selbst Curling nun relevanter erscheinen als das politische Weltgeschehen. Dies alles mag mediensoziologisch nachvollziehbar sein; der Bedarf ist schließlich da, die Einschaltquoten, jaja, das Angebot deckt die Nachfrage.

Nur: sobald der letzte Sprung des Tages gestanden, sobald die letzte Scheibe getroffen, sobald das letzte Zehntel aufgeholt, geht eben doch alles wieder den Gang halbstaatlicher Funkhausbürokratien. Zur Kernzeit um 20.15 Uhr liest sich das dann vom Tag der Eröffnungsfeier an so: Freitagsschnulze, Samstagskrimi, Sonntagskrimi, Montagsnaturdoku, Dienstagsfußball, Mittwochsfußball, Donnerstagskrimi, Freitagsschnulze im Ersten und alles wieder von vorn. Im Zweiten: Freitagsserie, Samstagskrimi, Sonntagsherzkino, Montagsfilm, Dienstagsschnulze, Mittwochsdrama, Donnerstagsbergdoktor und wieder von vorn. Die Aftersportprimetime bleibt leider nicht nur sport-, sondern auch informationsfrei.