"Themen, die im Fokus einer kritischen Begleitberichterstattung stehen müssen", wie es das Quotenduo Herres/Frey ausdrückt, werden eben in die einschlägigen Magazine zur Nacht geschoben. Hier mal ein Stück über russische Staatshomophobie bei titel, thesen, temperamente zur Geisterstunde, da mal ein aspekte-Beitrag über tote Wanderarbeiter am Rande der Piste nach elf – das muss der Chronistenpflicht genügen. Denn Putins Spiele, diese brillante Doppelanalyse eines despotischen Systems, das ein schneefreies Naturreservat unter Vergewaltigung diverser Arbeits-, Freiheits-, Eigentums- und Umweltrechte für 50 Milliarden Dollar zur Winterwunderwelt betoniert hat, diese zwei Dokumentationen des Irrsinns wurden ja schon gezeigt. Gestern und heute. Nicht mal zur Tagesunzeit, aber fern jener Aufmerksamkeit, die ein mutiger Sendeplatz mit sich brächte.

Es muss die Frage gestattet sein, warum ARD und ZDF zwischen den 240 Stunden Liveberichterstattung nicht das kleinste Fenster öffnen für eine wahrnehmbare Gegenprogrammierung: Putins Spiele im Anschluss an den zugkräftigen Biathlon etwa. Brot und Spiele zwischen zwei Skisprungdurchgängen. Anna Gelniks tiefgründige Reportage Durch den wilden Kaukasus gleich vorm Abfahrtslauf. Bis zum Erlöschen der Flamme lässt der sportliche Überfluss offenbar nur Platz für eine leidlich kritische Doku: Michael Dittrichs Von Chamonix bis Sotschi, am ersten Olympiasamstag. Um 5.30 Uhr.

Das ist nicht nur armselig, es ist auch feige. Vor allem aber ist es eine Missachtung des öffentlich-rechtlichen Auftrags, der vielen Tausend Menschen in und um Sotschi, die durch Putins Spiele ihren Besitz, ihre Heimat, ihre Gesundheit, ihre Würde, ja ihr Leben verloren haben, abermals ins Gesicht schlägt. Auf diese Art der öffentlich-rechtlichen Ausstrahlungshygiene gibt es eigentlich nur eine Antwort: Einschaltboykott.