Der erste Eintrag in das Tagebuch von Eric Harris, einer der beiden Massenmörder der Columbine-Highschool, lautet: "I hate the fucking world". Von Robert Steinhäuser sind keine persönlichen Äußerungen überliefert. Wortlos verlässt er am Morgen des 26. April 2002 das Haus seiner Eltern, um in seiner ehemaligen Schule in Erfurt 17 Menschen und sich selbst zu erschießen. Tim Kretschmer schreibt in seinem Abschiedsbrief: "Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur heraus, wenn das Gemachte hinzu kommt." Er tötet im März 2009 in Winnenden 15 Menschen und sich selbst. Adam Lanza erschießt 2012 erst seine Mutter, bevor er scheinbar wahllos die Sandy-Hook-Grundschule zu seinem Ziel macht, wo ihm 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren sowie sechs Lehrerinnen zum Opfer fallen. Lanza hinterlässt keinen Abschiedsbrief.

Der Horror, den ein Schulmassaker auslöst, ist unmittelbar und massiv. Die grausamen Details der Taten sind jeweils unterschiedlich, und auch das Mitteilungsbedürfnis der Täter variiert. Sie alle aber sind Außenseiter und werden in der Schule gemobbt. Alle fühlen sich von Gewaltdarstellungen in Computerspielen oder Filmen angezogen. Alle stammen aus nach außen intakten Mittelstandsfamilien. Vor allem: Alle wollen Angst und Schrecken verbreiten. Und so viele Opfer wie möglich mit in den Tod reißen. Deshalb führt der Begriff "Amoklauf" auch in die Irre, denn die Täter handeln nicht impulsiv, sondern präzise und geplant. Das lässt ihre Taten, die in der Mitte der Gesellschaft gedeihen, so gespenstisch erscheinen. Woher kommt dieser Hass? Verzweifelt suchen Medien, Lehrer und Wissenschaftler nach Erklärungsmustern. Aber der Horror bleibt. Er lässt sich nicht objektivieren.

Seiner Spur folgt nun der Spielfilm Staudamm von Thomas Sieben. Der Regisseur und sein Ko-Drehbuchautor Christian Lyra benutzen dafür eine ungewöhnliche dramaturgische Perspektive: Staudamm zeigt nicht den Täter und auch nicht den Hergang der Tat. Die Geschichte setzt erst ein Jahr danach ein. Der Student Roman (Friedrich Mücke), der für einen Staatsanwalt jobbt und Gerichts- und Polizeiakten digitalisiert, kommt in einen kleinen Ort in Bayern. Er soll aus der dortigen Polizeistation noch fehlende Unterlagen zu dem Schulmassaker holen, das die Kleinstadt in die Schlagzeilen brachte. Aber es fehlt noch eine Unterschrift, der diensthabende Beamte darf die Akten nicht freigeben. Unfreiwillig bleibt Roman einige Tage länger im Ort und wartet. Sein Auto wird beschmiert, man hat hier genug von Leuten, die herumschnüffeln. Roman lernt die Schülerin Laura (Liv Lisa Fries) kennen, hängt mit ihr ab, albert herum, flirtet. Und findet heraus, dass sie eine der Überlebenden der Tragödie ist.

Dass Staudamm nicht am Killer klebt, sondern die Folgen seiner Tat zeigt, erweist sich als großer Vorteil. Denn so entgeht er der Faszination, die von den Massenmorden eben auch ausgeht. Wenige Filme befassten sich bisher mit dem Thema, und sie zeigten die Entwicklung hin zur Tat. So auch das bekannteste Beispiel, Gus Van Sants kontrovers diskutiertes Drama Elephant, mit dem der amerikanische Regisseur 2003 die Goldene Palme in Cannes gewann. Künstlerisch überragend verdichtet, spielte Van Sant sogar mit der Faszination, die bis heute vom Massenmord an der Highschool von Columbine ausgeht. Bei ihm sind die beiden Killer Sadisten, die sich vor der Tat noch unter der Dusche küssen. In Deutschland dilettierte sich 2008 der Sat.1-Thriller Der Amokläufer durch eine unsägliche Story, die sich lediglich der Einschaltquote andiente. Und Michael Moores Bowling in Columbine trägt den Namen der Schule zwar im Titel, aber der Polemiker wollte die Paranoia und Waffengeilheit der US-Gesellschaft brandmarken. Die Tat selbst diente dazu lediglich als Anlass.