Was für eine coole Entscheidung! Ein 91-Jähriger bekommt den Preis für neue Perspektiven im Kino. Die Jury der 64. Berlinale hätte keinen Passenderen für diese Auszeichnung auswählen können als Alain Resnais, der schon die Nouvelle Vague mit begründete und noch immer sehenswerte Filme dreht. 

In seiner Komödie Aimer, boire et chanter (Life of Riley) erzählt er uns von den sehr witzigen Verirrungen dreier älterer Frauen, die alle dem Charme desselben Mannes, George Riley, erliegen. Den Schwerenöter selbst jedoch zeigt uns der französische Filmemacher in keiner einzigen Einstellung. "Alain ist der Meister der Innovation", jubelte sein langjähriger Freund, der Produzent Jean-Louis Livi, als er am Samstagabend den Silbernen Bären für Resnais entgegennahm. 

Jede Festival-Jury weiß, dass die Preise, die sie vergibt, großen Einfluss darauf haben, wie sich die Filme verkaufen werden – weltweit. Sie kann also Aufmerksamkeit auf Filme lenken, die sonst wenig Chancen auf dem Kinomarkt hätten. In diesem Jahr konnte man den Eindruck gewinnen, die Berlinale-Jury wollte den Fokus ganz auf China und Japan legen. China war gleich mit zwei gelungenen Genre-Adaptionen im Wettbewerb vertreten. No Man’s Land ist so etwas wie ein chinesischer Italo-Western mit herrlichen Landschaftspanoramen und einem ähnlich harten, zynischen Grundton wie die Filme Sergio Leones. Der Gewinnerfilm Black Coal, Thin Ice – weniger stilistisch als inhaltlich – ein chinesischer Film noir.

Der Regisseur Diao Yinan zitiert darin ausführlich aus seinen Vorbildern Die Spur des Falken, Der dritte Mann oder Im Zeichen des Bösen. Es gibt einen einsamen und ziemlich heruntergewirtschafteten Ermittler und eine geheimnisvolle Schönheit. Vor allem ist nichts in diesem Film, wie es scheint.

Beide chinesischen Wettbewerbsbeiträge sind jedoch weit mehr als Hommagen an ihr Genre, sie sind höchst moderne Neuinterpretationen. Black Coal, Thin Ice wurde dafür gleich zweifach geehrt: Mit dem Goldenen Bären als bester Film und dem Preis für den besten Darsteller an Liao Fan. 

Der Preis für die beste Darstellerin ging an die japanische Schauspielerin Haru Kuroki, die in The little House ein Hausmädchen aus den vierziger Jahren spielt. Kuroki spielt die Zerrissenheit dieses Dienstmädchens zurückhaltend und intensiv zugleich: Taki ist zerrissen zwischen ihrer Pflicht zu extremer Zurückhaltung und ihrer Empathie zu ihrer Dienstherrin, die ein außereheliches, also höchst kompromittierendes Verhältnis eingeht.