Patricia Arquette mit Lorelei Linklater (li.) und Ellar Coltrane (re.) in Richard Linklaters Langzeit-Schauspieler-Beobachtung "Boyhood" © Berlinale

Kann man von einem Spielfilm sagen, dass jeder Satz darin echt ist? Über zwölf Jahre hat Richard Linklater seine vier Hauptdarsteller immer mal wieder für ein paar Drehtage zusammengerufen, um mit ihnen die Kindheit von Mason (Ellar Coltrane) zu drehen, der mit seiner Mutter (Patricia Arquette) und seiner um zwei Jahre älteren Schwester Samantha zusammenlebt (Lorelei Linklater, richtig: die Tochter von Richard). Der Vater (Ethan Hawke) lebt von ihnen getrennt. Es ist die Kindheitsgeschichte eines amerikanischen Mittelschichtsjungen, der in wechselnden Patchworkfamilien aufwächst. Sie ist banal und frei erfunden, aber in jeder Szene wahrhaftig.

Richard Linklater hat mit Boyhood sein großes Gespür für Dialoge und Stimmungen perfektioniert. Bereits in seiner Langzeit-Beziehungstrilogie Before Sunrise / Before Sunset / Before Midnight hatte er anhand von drei Momentaufnahmen präzise beobachtet, wie Liebe entstehen und wieder vergehen kann. Hier nun erzählt er davon, wie aus einem Sechsjährigen ein junger Mann wird. 

Zunächst ist Masons Leben von den äußeren Umständen geprägt. Will die Mutter umziehen, um zu studieren, müssen die Kinder Freunde und Schule hinter sich lassen, neue Freunde und neue Orte kennenlernen. Immerhin besucht der Vater seine beiden Kinder weiterhin regelmäßig an den Wochenenden. Wenn Mum und Dad bei einer Übergabe streiten, können sie jedoch nur durchs Fenster zusehen. Verstehen können sie den Streit nicht.

Die Mutter lernt einen neuen Mann kennen, der ebenfalls zwei Kinder im gleichen Alter wie Mason und Samantha hat. Eine neue Familie entsteht. Aber auch die zerbricht. Das einzige, was von Dauer ist, ist das Verantwortungsbewusstsein der Mutter für ihre zwei Kinder, ihre selbstverständliche Liebe zu ihnen. "Hast du deine Hausaufgaben gemacht?" "Iss was!" "Wer ist Emily?" "Viel Spaß, mein Schatz!" "Schlaf gut."

Ethan Hawke als beobachtender Wochenendpapa

Die alltäglichen Sätze der Mutter zeigen erst über die Jahre und in ihrer Wiederholung, wie nah sie ihren Kindern bleibt. Kein einziges Mal ist es notwendig, dass Linklater dafür ein tiefsinniges Gespräch zwischen ihnen inszenieren müsste. Wie klug! Umso mehr möchte man dem Vater beipflichten: Ganz am Ende, als Mason erfolgreich seine Highschool abgeschlossen hat und alle zu Hause ein wenig feiern, sagt er zu seiner Ex, der Mutter seiner Kinder: "You did a great job." Oh ja, das hat sie!

Ethan Hawke nimmt als Wochenendpapa eine beobachtendere und kommentierende Rolle ein. Er führt sehr wohl Gespräche mit seinen Kindern. Die freilich zunächst großartig fehlschlagen. Da hocken die drei gemeinsam im Auto und fahren irgendwohin – was sich der Vater eben für sie als Wochenendausflug so ausgedacht hat – und der Vater fragt: "Mason, wie war deine Woche?" Mason antwortet eloquent wie ein Zehnjähriger: "Ooookaaaay." "Was hast du gemacht?" "Nichts Besonderes." Der Dialog wiederholt sich noch einmal mit Samantha. 

Da fährt ihr Vater rechts ran und Ethan Hawke bringt auf den Punkt, worin die Krux an diesem Wochenendvaterdasein besteht: Möchte er im Kontakt mit seinen Kindern bleiben, muss er das Gespräch suchen. "Ihr sollt mit mir reden", sagt er lachend, sieht aber nach den Einwänden seiner beiden Sprößlinge glücklicherweise auch ein: "We just let it happen more natural." Also reden sie eben später, am Abend, als Dad in Ruhe noch ein Buch lesen will, über Elfen und Wale. Ein wichtiges Gespräch.