Alles ist Wasser. "Wir sind Wasser", sagt Oscar Dennis, während er im Boot über den Stikine River im kanadischen Northern British Columbia schwebt. Er erzählt von den ersten Menschen, die hier lebten, lange bevor die Europäer kamen. Er bringt es auf den Punkt. Ohne Wasser keine Nahrung, kein Leben, keine Zukunft. Wasser eint und teilt, im Innern jeder einzelnen lebenden Zelle, ob Mikrobe, Pflanze oder Mensch. Wasser färbt und formt unseren Planeten. Ohne seine flüssige, feste und flüchtige Form wäre da nur Ödnis.

Rund um den Globus gurgelt, rauscht, zischt, säuselt, trommelt, knackt und kreischt der ungewöhnlichste Stoff, den das Universum kennt. Wasser, Dampf, Eis. Seit vier Milliarden Jahren. Die Dokumentarfilmerin Jennifer Baichwal und der Fotograf Edward Burtynsky haben die chemische Verbindung in all ihren Aggregatzuständen aufgesucht. In ihrem Film Watermark holen sie das Element so nah heran, dass der Zuschauer sich mal Boot, mal Schwimmweste wünscht, gerne eine Schneejacke, auch Badeklamotten, und nicht zuletzt Staubmaske und Chemikalien-Schutzanzug.

Burtynsky und Blaichwal beginnen ihren Trip mit einer minutenlangen Sequenz. Gigantische Wassermengen entladen sich aus den Schleusen des Xiolangdi-Staudamms am Huang He in China. Es schäumt und wirbelt, die Kraft wirkt monströs und beruhigend zugleich. Der Blick verschwimmt. Was auf der Leinwand tobt, könnten auch Sandlawinen sein, so braun ist das Wasser.

Gigantische Panoramen

Ein Gegensatz, der passt. Die Szene wechselt von Wassermassen zum zerfurchten Fliesenmuster, das nur ausgetrocknete Flussbetten hinterlassen. Das gigantische Colorado River Delta in Mexiko ist heute Wüste. Was grün war, ist grau. Der Mensch hat die Wasserwege rigoros geändert, Natur zerstört, um woanders zu pflanzen. Nun schwindet der Flusslauf, verästelt sich ins Nirgendwo.

Watermark beeindruckt mit hochauflösenden Bildern, mit Ruhe und Distanz, obwohl die Kamera meist mittendrin ist. Luftaufnahmen und gigantische Panoramen zeigen die Spuren des Wassers, die der Mensch choreografiert hat. Reisfelder in Chinas Provinz Yunnan, auf dem Wasser dümpelnde Zuchtfarmen für delikate Seeschnecken. Zwischendrin Discovery Bay, eine künstliche Bucht in Kalifornien, in die sich Wohnanlagen auf designten Landzungen schlängeln. Von oben nähert sich die Kamera dem Ogallala-Aquifer, ein Grundwasserleiter, über dem ungezählte Feldkreise für Weizen, Mais und Soja inmitten der USA das Land in Ost und West teilen. Auf mehr als 450.000 Quadratkilometern, durch acht Bundesstaaten hindurch.

Drei Jahre sammelten Baichwal und Burtynsky mit ihrem Kameramann Nicolas de Pencier ihre Aufnahmen. Es ist das zweite Projekt, das die drei gemeinsam verwirklichen. 2006 verfolgten sie in Manufactured Landscapes jene atemberaubenden Weitblicke zurück, die den Fotografen Edward Burtynsky so berühmt machen. Damals zeigten sie uns, wie der Mensch mit seinen Industrien, den Schloten und Fabriken das Gesicht des Planeten vernarbt.