ZEIT ONLINE: Mister McConaughey, Sie haben gerade einen Golden Globe für ihre Hauptrolle in Dallas Buyers Club bekommen. Jetzt steht der Oscar an. Wie ist das, für die Verkörperung eines realen Menschen ausgezeichnet zu werden?

Matthew McConaughey: Die Tatsache, dass diese Geschichte wahr ist, verleiht ihr gravitas. Das verstärkte nicht nur in mir, sondern auch in den Filmemachern und Produzenten die Willenskraft zu sagen: Wir müssen diese tolle Geschichte erzählen, die Wahrheit über diesen Kerl, und sie auch nach 25 Jahren lebendig werden lassen.

ZEIT ONLINE: Der Film erzählt die letzten Lebensjahre des Rodeoreiters Ron Woodroof, der sich Mitte der achtziger Jahre mit HIV infizierte und dann einen illegalen Medikamentenclub gründete. Wie haben Sie sich diesem schwierigen, unsympathischen Helden genähert?

McConaughey: Seine Mutter und seine Schwester öffneten mir alle Türen und waren sehr ehrlich. Sie wollten Ron posthum nicht wie einen Heiligen darstellen. Sie gaben mir seine Tagebücher aus der Zeit, bevor er sich infiziert hatte, alte Tonbänder, die niemand vorher gehört hatte. Ich habe einfach gemacht, was Schauspieler so tun, wenn sie eine reale Person verkörpern: recherchieren und zwischen den Zeilen lesen.

ZEIT ONLINE: Ron Woodroof war zutiefst homophob. Dallas Buyers Club könnte ein Beitrag zur aktuellen Debatte um Homophobie sein. Hier in Deutschland hat sich gerade ein ehemaliger Fußballnationalspieler als schwul geoutet. Riesenthema, große Verunsicherung…

McConaughey: Die erste, allfällige menschliche Reaktion auf einen Andersartigen ist Ablehnung. Dann kommt Angst. Auch im amerikanischen Sport gab es ein paar Basketball- und Football-Spieler, die sich geoutet haben. Das verursacht einen unwillkürlichen Schock: "Auf keinen Fall kann der 'ne Schwuchtel sein, niemals! Jetzt bin ich kein Fan mehr!" Leute, die so denken, setzen nie ihren Namen drunter. Man hört sie zwar laut, besonders heute im Internet, aber sie haben kein Gesicht. Wenn man sie tatsächlich drauf anspricht, bricht das alles ziemlich schnell in sich zusammen, weil sie merken, dass ihr Zug abgefahren ist. Und wenn andere respektierte Spieler sagen "Hey, seine Sexualität ist mir doch egal, solange er auf dem Spielfeld gut ist", dann kommt es auch bei den besonders Engstirnigen an. Solch ein Outing bringt große Unruhe, aber es beschleunigt den Denkprozess unter homophoben Menschen enorm.

ZEIT ONLINE: In Russland trägt Homophobie das Gesicht von Wladimir Putin. Sollte man deshalb die Winterspiele in Sotschi boykottieren?

McConaughey: Nein. Die Menschen waren Tausende von Jahren der Überzeugung, Homosexualität sei falsch. Für diejenigen unter uns, die Veränderung gutheißen und Homosexualität akzeptieren, ist es ganz einfach, zu sagen, diese Haltung sei anachronistisch, das Alte Testament sei Müll. Aber wenn es Quatsch wäre, warum hätten wir dann so lang dran festgehalten? Man kann das nicht einfach so entwerten. Ich denke, man muss diese Meinung respektieren, und jetzt ist der Dialog eröffnet. Wir entwickeln uns, jetzt stehen wir an einem evolutionären Scheitelpunkt. Die Spiele sollte man deshalb nicht boykottieren.

ZEIT ONLINE: Manche verschließen sich dem Dialog.