Eine der besten Szenen von Monuments Men spielt kurz nach dem Kriegsende, als die amerikanischen Kunstretter ihre Arbeit beinahe vollbracht haben. Clooney malt sich aus, was nun mit den Menschen passieren wird, die die Juden verachten, sich an deren Kunstschätzen bereicherten und – als das nicht mehr möglich war – die Werke lieber verbrannten, als sie an den Wänden des Feindes zu sehen. Es ist keine Tarantino’sche Rachefantasie, obwohl das Nazi-Exemplar, das ihm da gerade gegenübersitzt, ein besonders widerliches ist. Er träumt von einer viel vollständigeren Vernichtung: vom Vergessen dieses Mannes.

Alles, woran er sich später einmal erinnern werde, sagt Clooney, sei die Zigarette, die er in diesem Moment rauche. An den Mann werde er sich nicht mehr erinnern. Keiner werde sich jemals mehr an ihn erinnern, denn er werde nach seinem Prozess und seiner Hinrichtung in einem anonymen Grab versenkt werden. Clooney lächelt sein feines Clark Gable-Lächeln: Er werde davon aus der Zeitung erfahren, wenn er wieder in New York in seinem Lieblingscafé sitzen und einen Kaffee mit einem Bagel frühstücken wird. Nur eine ganz kurze Notiz, wird es sein, weit hinten, vielleicht auf Seite 18. Dann wird er die Zeitung dem Cafébesitzer geben, der sie braucht, um darin seinen Fisch einzuwickeln.

Wenn ein Mensch stirbt, bleibt die Erinnerung an ihn. Sie wird verblassen. Überdauern wird, was er geschaffen hat. Deshalb ist es wichtig, jedes kleine Sammlerstück wieder dorthin zu bringen, wo es an etwas oder jemanden erinnern kann. Damit die Verfolgten, die ermordet wurden, nie vergessen werden. Vergessen ist das Schlimmste.

Da haben wir ihn, den aktuellen Kommentar zu der eben noch lichterloh brennenden Debatte in Deutschland, ob sich deutsche Museen und ihre Provenienzforscher ausreichend bemühen, in ihren Beständen nach Raubkunst zu suchen und die Werke zu restituieren – und er kommt ausgerechnet in Form einer Klamotte daher.

George Clooney hat sie selbst verfasst und produziert und dann ein paar Kumpels eingeladen, mitzumachen: John Goodman, Bill Murray, Jean Dujardin und allen voran Matt Damon. Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine kleine Truppe von kriegsuntauglichen Kunstkennern macht sich aus den USA, Großbritannien und Frankreich auf in den Zweiten Weltkrieg, um in den von den Deutschen besetzten Gebieten Kunstschätze vor der Zerstörung zu retten. Natürlich bekommen sie – so viel menschlicher Realismus muss sein – kaum Unterstützung unter den kämpfenden Truppen. Welcher Kommandant würde schon das Leben seiner Leute riskieren, um ein Kunstwerk zu beschützen und sei das noch so wertvoll. Also arbeiten die Monuments Men vor allem hinter den Linien und später, als die Nazis den Rückzug antreten und schließlich kapitulieren, versuchen sie zu retten, was wiederzufinden ist – in Salzminen und Bergwerken, aber auch in einem schmucken Bauernhaus und auf Schloss Neuschwanstein.

Die Monuments Men sind Helden. Das steht auf dem Filmplakat und gilt uneingeschränkt. Wenn sie die in der Normandie anlanden, tun sie das unter hymnischer Musik. Die hört man dann noch recht häufig. Wenn es pathetischer wird, auch mal ein einzelnes Piano. Zwei von ihnen werden sterben. Still, nach einer letzten schönen Geste. Sämtliche Versprechen, im Moment des Abschieds oder gar Todes gegeben, werden eingehalten. Keine moralische Schattierung, nirgends. Die Monuments Men sind so weiß, wie die Nazis schwarz. Die Kunstwerke, die sie retten, durchweg gigantisch: Vermeer, Rembrandt, Monet, Picasso, Michelangelo, da Vinci – die Top of the Pops aus 1000 Jahre abendländische Kunstgeschichte. Ganz kurz streift den Berlinale-Gast der Gedanke an den Film Snowpiercer, der aus Rücksicht auf das intellektuelle Fassungsvermögen des  amerikanischen Publikums verständlicher geschnitten werden sollte.

Das soll nicht bedeuten, dass die Sache nicht kurzweilig ist. Brenzlige Situationen werden hier mit Sprüchen so lange heruntergecoolt, bis sie schockgefrostet sind wie Matt Damon, als er auf eine Landmine tritt: Clooney: "Was tust du da?" Damon: "Ich bin auf eine Landmine getreten." Clooney: "Warum?" "War so ein langweiliger Tag."

Wir lassen also bereitwillig die Monuments Men unser Abendland retten und genießen nun ihre zweite Invasion, am Samstagabend auf dem roten Teppich. Von Mittag an kreischen sich die Fans an den Absperrungen oder am Hintereingang des Hotel Hyatt warm, der Pressekonferenzsaal musste wegen Überfüllung vorzeitig geschlossen werden.

Für George Clooney würden hier wohl die allermeisten Michelangelos David stehen lassen.