Ja, der Sex. Es ist viel über die "apokalyptischen" Orgien in Lars von Triers Film Nymphomaniac geschrieben worden. Thomas Assheuer spricht in der ZEIT von "wüster Ausschweifung", Dietmar Dath in der Faz von der "Generalmobilmachung artifiziellster Mittel zur Darstellung von Unmittelbarkeiten".

Es lässt sich schwer sagen, wie explizit Sex im Film sein muss, um pornografisch zu wirken. Bei einem Kriterium jedoch sind sich die meisten einig: Vom Pornogucken erwartet man eine körperliche Reaktion – wenn nicht Erregung, dann zumindest Ekel oder Langeweile. Bei Nymphomaniac bleibt diese Wirkung aus. Es gibt – zumindest in der gekürzten Form, die jetzt in die bundesweiten Kinos kommt – keine Szene, die primär zur Erregung der Zuschauer existiert.

In dem insgesamt fünfstündigen Film, dessen erster Teil auf der Berlinale Premiere feierte, erzählt die etwa 50-jährige Joe (Charlotte Gainsbourg) dem älteren Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård) in epischer Breite ihre Geschichte. Es geht um ihre Kindheit, die Spaziergänge mit ihrem Vater durch den Wald, ihr Studium des weiblichen Körpers in Medizinbüchern, ihre Entjungferung, die unzähligen Begegnungen mit unzähligen Männern. Es geht um Schuld, Enttäuschung, Schmerz.

Dass die Handlung von Nymphomaniac über so viele Stunden trägt, liegt daran, dass der Film genau das verweigert, was einen Porno zum Porno macht: seine Erwartbarkeit.

Pornos haben einen kalkulierbaren Ablauf. Kein Moment bleibt missverständlich, keine Geste rätselhaft: das Grinsen der Männer, die gespielte Ahnungslosigkeit der Frau. Die Zuschauer sind eingeweiht, der Ausgang einer sexuellen Begegnung niemals überraschend. Ritual geht über Einzelfall.

Jedes Bild ist doppelt aufgeladen

Auch in Nymphomaniac werden viele aneinandergepresste Menschen gezeigt, manchmal sind die Schauspieler dabei auch völlig nackt und ein Genital schiebt sich – wie zufällig – ins Bild. Doch solche Szenen sind in zarten Dosen über den Film verstreut. Häufig beschränkt sich von Trier auf Andeutungen – etwa wenn Joe ihre Bluse zurechtrückt, als sie aus dem Büro eines Kollegen tritt. 

In diesem Film ist jedes Bild doppelt aufgeladen. Als ihr geliebter Vater stirbt, geht Joe in den Keller des Krankenhauses, um einen Mann zu verführen. Joes Lust kann man unmöglich von dem Leiden des Vaters trennen, der oben mit dem Tod kämpft. Der Sex bekommt dadurch etwas zutiefst Melancholisches.

Diejenigen Kritiker, die von Trier nicht der Pornographie bezichtigen, erhöhen ihn zum Kämpfer gegen den allgegenwärtigen Sexkonsum, die leer laufende Pornoästhetik, die Vereinsamung vor dem Computer-Bildschirm. Damit unterstellen sie ihm jedoch eine Botschaft, die sein Film nicht belegt. Joe kämpft nicht gegen Bilder – wie etwa der Internet-Junkie Jon in Joseph Gordon-Levitts Film Don Jon (2013). Dieser Jon kann durch wahre körperliche Intimität von seiner Pornosucht "geheilt" werden. Bei Lars von Trier schließen sich Liebe und Lust gegenseitig aus. Joe nutzt Männer genau so wie Wasserhähne, Spiegel, Fantasie, um ihr Verlangen zu stillen. Einen Laptop sieht man nirgends. Nein, dies ist nicht die große Abrechnung mit einer Welt, in der Sex visuell überall erhältlich ist.