Für Pierre ist das Alltag: Wenn er mit seinem Kind zur Kita geht, zischen Frauen ihm anzügliche Bemerkungen zu und kommentieren die Qualität seines Hinterns. Von einer Betrunkenen wird er angepöbelt, weil er nicht zum Oralsex bereit stehen möchte. In der Kita trägt der Erzieher seit Kurzem ein Kopftuch, weil seine Frau es so möchte – er sei aber ganz glücklich damit, sagt er. Es sei ja auch Gottes Wille.

In dem Kurzfilm Majorité Opprimée (Unterdrückte Mehrheit) der Regisseurin Eléonore Pourriat sind Frauen das Zentrum der Gesellschaft. Sie machen die Regeln, können sich alles erlauben. Männer müssen ihnen gefallen und sie gleichzeitig fürchten, und ihr Leben um sie herum organisieren. 

Die Gesellschaftskritik der Französin Pourriat ist deshalb so einleuchtend, weil sie nicht argumentieren oder um Verständnis bitten muss, um zu überzeugen. Pourriat dreht den Spieß einfach um, und geht damit tiefer als auf den ersten Blick gedacht: Sie macht das Ausmaß des alltäglichen Sexismus auch für jene Menschen erfahrbar, die normalerweise nicht darunter leiden – Männer. Und das sorgt für sehr unterhaltsame Aha-Momente.

Bis zu dem Punkt, an dem Pierre auf der Straße von einer Gruppe Frauen angegriffen und sexuell missbraucht wird. Auf der Polizeiwache muss er auf erniedrigende Fragen der Polizistin antworten, die ihm unterstellt, er übertreibe doch ein wenig. Pierre zieht am Hosenbein seiner Shorts, um seine Blöße vor den Augen der Polizistin etwas zu bedecken. 

"Du und dein maskulinistischer Quatsch"

Als Pierres Ehefrau ihn endlich auf der Wache abholt ("Ich konnte nicht früher aus dem Meeting"), ist sie zwar schockiert – doch als Pierre von seiner Verzweiflung berichtet und sich fragt, ob denn der Kampf für die Männerrechte umsonst war, hat sie kein Mitleid, sondern reagiert genervt: "Du und dein maskulinistischer Quatsch!" Außerdem sei es kein Wunder, dass er belästigt werde, wenn er sich so provokant kleide.

Der Film ist bereits fünf Jahre alt, er hat einen Preis in Kiew gewonnen, wurde aber ansonsten wenig beachtet. Dass er sich gerade jetzt so schnell verbreitet, erklärt sich die Regisseurin so: "Der feministische Kampf ist wieder wichtig geworden. Vor fünf Jahren fühlte ich mich wie ein Alien", sagte sie dem Guardian. "Aber jetzt erlebt mein Film diese Aufmerksamkeit, weil wichtige Rechte in Gefahr sind. Homophobie und Sexismus heute in Frankreich – es ist wie eine schwarze Flut."

Der patriarchalen Gesellschaft durch Rollentausch den Spiegel vorhalten – Eléonore Pourriat ist nicht die Erste, die auf diese Idee kommt. Die norwegische Schriftstellerin Gerd Brantenberg beschrieb schon 1980 in ihrem Buch Die Töchter Egalias eine von Frauen bestimmte Gesellschaft. Dort verhalten diese sich genauso herrschsüchtig, sexistisch und dominant, wie es unsere Gesellschaft von männlichen Chauvis gewöhnt ist.

Frauen sind auch in Pourriats Film keinesfalls die besseren Menschen. Vielmehr zeigt die Regisseurin, dass Sexismus ein Produkt von Macht ist – egal, wer sie innehat.

Auf YouTube hat Majorité Opprimée bisher mehr als 3,5 Millionen Views. YouTube Deutschland stuft den Film allerdings als potenziell problematisch ein. Man bekommt ihn nur im eingeloggten Zustand zu sehen, und auch dann muss man einen Warnhinweis wegklicken: "Das Video ist möglicherweise für einige Nutzer unangemessen."