Raue Sitten und eine krawallige Stimmung herrschen bisweilen im britischen Unterhaus, das ist hinlänglich bekannt. Der politische Gegner wird im Königreich bisweilen lautstark verlacht, es wird geraunt und gepöbelt im House of Commons. Wer allerdings die vierteilige Politserie Secret State verfolgt, die Arte am 6. Februar in voller Länge ausstrahlt, ist versucht, noch viel grundsätzlicher an den Sitten der britischen Politikerkaste zu zweifeln. Die meisten von ihnen verhalten sich ruppig wie Stammtischgesellen.

Sicherlich, es handelt sich um Fiktion. Doch immerhin basiert die Miniserie um einen Premierminister in äußerst unruhigen Zeiten auf der Vorlage eines langjährigen britischen Parlamentsmitglieds. Chris Mullins saß bis 2010 für die Labour-Partei im Unterhaus, schon 1982 hatte er seinen Roman A Very British Coup veröffentlicht.

Tatsächlich erscheint die Hauptfigur Tom Dawkins (verkörpert vom Golden-Globe-Gewinner Gabriel Byrne) als eine der wenigen integeren Figuren im Personal von Secret State. Nach einem Flugzeugabsturz und dem Tod des amtierenden Premierministers (mit dem sprechenden Namen Charles Flyte) wird Dawkins zum neuen Regierungschef gewählt. Sehr zum Ärger zweier Kabinettsmitglieder, die sich selbst schon an der Macht sahen und fortan kritteln und miesepetern, dass es eine zweifelhafte Freude ist.

Verheddert im Netz aus Lobbyismus und Sünden

Nicht nur die missgünstigen Parteifreunde bereiten Dawkins Sorgen: Der Tod des vorigen Premiers will aufgeklärt werden, möglicherweise steht er gar in Zusammenhang mit einem Industrieunfall in Nordengland, bei dem 19 Menschen ums Leben kamen. Die betroffene Ölfabrik gehört der amerikanischen Firma PetroFex – wie auch die abgestürzte Maschine. Was geschah wirklich an Bord, und was in der Fabrik? Wie abhängig darf ein Land von Wirtschaftsunternehmen sein? Und welche Rolle spielt Al-Kaida? Premierminister Dawkins verheddert sich im Netz aus Lobbyismus, Terrorabwehr und seinen eigenen Sünden.

Hochgelobt im Fach der Politserien war zuletzt das dänische Borgen. Was sich dort an Dramatischem innerhalb einer Staffel ereignete, verfrachten die Macher von Secret State in nur eine Folge. Selbst in Zeiten von Snowdenscher Universalparanoia schlackern einem die Ohren angesichts der abenteuerlichen Geschehnisse: Wo Birgitte Nyborg in Gummistiefeln Schweineställe besuchte, muss Tom Dawson ein undurchsichtiges Bündnis aus Märkten, Banken und amerikanischen Großunternehmern sprengen und nebenbei einen Krieg gegen den Iran verhindern.

Dänemark ist zwar nicht Großbritannien, aber die Macher von Secret State tragen dann doch zu dick auf. Der Finanzminister ist ein wenig zu aasig gezeichnet, der Ölunternehmer zu skrupellos, der Generalstab zu mordlüstern. Und der Premierminister inmitten aller zu gutmütig.