ZEIT ONLINE: Mr. Sepinwall, was ist der Unterschied zwischen einer misslungenen und einer tollen Serie?

Alan Sepinwall: Es ist die Vision. Hat der Autor der Serie eine sehr spezifische Idee? Deadwood ist ein Western, Die Sopranos sind eine Gangster-Serie, The Wire beginnt als Polizei-Drama – das sind keine neuen Ideen. Aber diese Serien näherten sich ihren Themen auf eine sehr spezielle Art. Die Autoren hatten sehr spezielle Ansätze und durften das größtenteils genau so umsetzen. Was oft passiert im Fernsehen: Entscheidungsträger sitzen in Meetings und sagen "Das klingt schon sehr gut, aber können wir das ein bisschen mehr so wie XY machen", dann kommen sechs, sieben, acht Leute dazu mit dem gleichen Satz. Und am Ende ist alles völlig verwässert und homogenisiert. Plötzlich fühlt sich jede Serie an wie jede andere Serie. Es geht also letztlich um eine Stimme, die heraussticht, die weiß, was sie sagen will und der es auch erlaubt ist, es genau so zu sagen.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf das Prinzip des Showrunners an. Können Sie das erklären?

Sepinwall: Die Executive Producers, also die ausführenden Produzenten, denken sich meistens das Grundkonzept einer Serie aus. Und dann gibt es viele Produzenten, die schreiben, die Regie führen, die die Produktion leiten – aber es gibt eine Person, die das letzte Wort hat, die kreative Vision. Der Showrunner ist im Grunde das, was der Regisseur im Kino ist. Bei den Sopranos war David Chase der Showrunner, Matt Weiner war zuerst dort Autor, seine Ideen gingen aber nicht in die Serie ein. Jetzt ist Matt Weiner Showrunner bei Mad Men, jetzt fließt alles dort ein. Das ist der Unterschied.

ZEIT ONLINE: Wie kann man sich die Arbeit dieses Showrunners vorstellen?

Sepinwall: David Milch von Deadwood zum Beispiel hat jedes Skript an dem Tag geschrieben, an dem es eigentlich schon gedreht werden sollte. Er machte lange Spaziergänge mit anderen Autoren und brainstormte, seine Sekretärin schrieb alles mit. Dann ging er ins Büro, legte sich auf den Rücken – David hat Rückenprobleme – und begann, Satz für Satz zu diktieren, Wort für Wort. Bis kein einziges Wort der anderen Autoren mehr im Skript stand. David Chase von den Sopranos war auch sehr autokratisch, aber viel organisierter. Vince Gilligan von Breaking Bad hingegen hat Vertrauen in andere Leute und deshalb ist die Serie mehr eine Leistung eines Autorenteams. Das ist sehr unterschiedlich.

ZEIT ONLINE: Wie kam es überhaupt zu diesem Prinzip Showrunner?

Sepinwall: Der Kabelsender HBO hat das durchgesetzt. In den Neunzigern hatten sie keine Ahnung von Eigenproduktionen, also ließen sie die Showrunner einfach machen. Einfach um sich abzugrenzen von den anderen Sendern und zu signalisieren: Wir wollen kreative Leute hier haben, eure Instinkte sind besser als unsere, wir vertrauen euch. Mittlerweile ist HBO so erfolgreich, dass es deutlich weniger Freiheiten gibt für die Showrunner. Andere kleine Sender wie FX oder mittlerweile Netflix haben dieses Prinzip übernommen.

"Es gibt junge Leute, die gar kein Fernsehen mehr gucken, denen reicht Netflix"

"Breaking-Bad"-Serienschöpfer Vince Gilligan (Mi.) posiert mit seinen beiden Hauptdarstellern Bryan Cranston (li.) und Aaron Paul bei der Golden-Globe-Verleihung 2014. "Breaking Bad" wurde als beste Dramaserie ausgezeichnet, Cranston als bester Schauspieler in dieser Kategorie. © Lucy Nicholson/Reuters

ZEIT ONLINE: Netflix ist ja vor allem dank des Polit-Dramas House of Cards in aller Munde – und gar kein traditioneller Fernsehsender, sondern eher eine digitale Plattform für TV-Inhalte. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Sepinwall: Netflix verändert alles. House of Cards sieht aus wie eine HBO-Serie mit den profilierten Schauspielern, mit dem teuren Look, mit Kino-Regisseuren wie David Fincher und Jodie Foster – aber du bekommst es über diese Online-Plattform. Du kannst jederzeit auf deinem Handy, deinem Tablet schauen, sogar alles hintereinander, das ist revolutionär. Die Frage wird sein, ob Netflix daraus ein Geschäftsmodell wird machen können, ob es sich finanziell auszahlt. Amazon und Hulu kommen momentan noch dazu als Streaming Dienste. Das alles führt zu einer Übersättigung des Marktes, besonders im Bereich der Drama-Serien. Die andere Seite der Medaille: Es gibt junge Leute, die gar kein Fernsehen mehr gucken, denen reicht Netflix, das könnte ein generelles Problem werden.

ZEIT ONLINE: Befürchten Sie, dass also dieses Goldene Zeitalter, wie Sie es nennen, auch schnell wieder zu Ende sein könnte?

Sepinwall: Wir befinden uns mitten in einem Transformationsprozess. Auch inhaltlich. Weg vom Typus männlicher Anti-Held hin zu Frauen, Minderheiten, allen möglichen Themen. Orange is the new Black ist ein herausragendes Beispiel einer Serie mit fast ausschließlich unbekannten Schauspielerinnen in allen möglichen Altersstufen und aus allen möglichen Ethnien. Ich glaube, dass der Standard mittlerweile so hoch ist, dass die Zuschauer sich einfach nicht mehr so schnell mit mittelmäßigen Sachen zufrieden geben werden – wie noch die Generationen davor. Es geht nur darum: Wer wird die neuen tollen Serien unter die Leute bringen?