Ich glotz TV – der Name unserer Kolumne ist Programm. Unsere Autoren schalten sich ein. Und verraten von Montag bis Freitag, welche Phänomene sie im deutschen Fernsehen entdecken.

Es gehört zu Abschieden, und insbesondere zum Abschied Harald Schmidts, vom Früher zu sprechen. Weil Schmidt daraus seinen Ruhm speist und seine Bedeutung, und weil sein jahrzehntelanges "Werk", (er selbst würde hier die Anführungszeichen ironisch mitsprechen), ja überhaupt erst der Grund ist, warum es sowas von angemessen ist, sich von ihm zu verabschieden. Am Donnerstagabend ging seine zuletzt praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufende Show beim Bezahlsender Sky zum letzten Mal auf Sendung.

Früher also wäre dieser Donnerstag ein Festtag gewesen für Harald Schmidt und seine vielen, vielen Fans. Uli Hoeneß, der Pate des deutschen Fußballs, wird in den Knast geschickt. Was für ein Stoff! Heldensturz und Loyalität, Sünde und Reue. Geld, Boulevard, Politik. Ein antikes Drama eigentlich, wie Schmidt sie liebt und wie er sie bevorzugt ausschlachtete, hämisch und ein bisschen liebevoll zugleich. Früher hätten sich viele schon mittags darauf gefreut, was Schmidt am späten Abend dazu alles einfällt. Und am allermeisten hätte sich Schmidt selbst gefreut.

Was für ein Geschenk zum Abschied also. Die ersten drei Witze seiner allerletzten Show gehen dann so: 

"Fantastischer Applaus, der sagt: wir haben zwar kein Abo gekauft, aber wir waren immer Fans."

"Ich habe gegen Hoeneß den Vorteil: Ich werde heute entlassen."

"Wir haben beide Millionen verzockt, muss man so sagen, er Euro, ich Zuschauer."

Das war's dann fast mit Hoeneß. Schmidt macht keine Sendung über den gestürzten Fußballgott, er macht lieber eine Sendung über sich, Schmidt. Deshalb wird es kein Festtag für's Publikum sondern nur ein Festtag für Schmidt. Er ist sich längst selbst genug. 

Es ist ja lange her, dass das anders war. Wenn Wetten, dass...? das TV-Lagerfeuer der Deutschen war, dann war Schmidts Show der Kamin im restaurierten Bildungsbürger-Altbau. Lustig schlugen die ironischen Funken, Schmidt zündelte an den eigenen Tabus und denen seiner Zuschauer (Polenwitze!), und im Hintergrund stand der ganze Kanon abendländischer Kulturbeflissenheit, so wie daheim die edle Bücherwand. Fernsehen zwischen Stammtisch und Suhrkamp-Bibliothek war das. 

Großartig war beispielsweise, wie er einst zusammen mit Oliver Pocher den damals neuen SPD-Slogan "Näher bei den Menschen" einfach wörtlich nahm. Sie sprangen ihrem Publikum auf den Schoss, rückten ihnen so nah auf die Pelle, wie es sich nun wirklich niemand von der SPD wünscht. Dazu schrien sie im martialischen Rammstein-Tonfall: "Näher! Bei den Men-schen!" Wer das gesehen hat, musste den eigentlich gut gemeinten Slogan anders sehen: Als eine Drohung, eine Zumutung.


Jetzt, in seiner letzten Show, kommen sechs Kollegen ins Studio, die alle mal mit Schmidt gearbeitet haben. Alle "Sidekicks" von Schmidt seien das, hieß es in der Ankündigung, aber die beiden bekanntesten, Manuel Andrack und Oliver Pocher, fehlen doch.