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Wenn es angesichts des Todes überhaupt eine Skalierung geben kann, wann er als besonders schlimm empfunden werden darf, dann war das lange Sterben von Mareike Carrière ganz und gar trostlos. Seitdem sie Anfang 2012 ihre Diagnose erhalten hatte, bot sie nämlich dem Krebs in einer Weise die Stirn, dass man zeitweilig fast sicher war: Wenn es stimmt, dass die innere Haltung bei der Überwindung einer Krankheit eine maßgebliche Rolle spielt, dann macht Mareike Carrière alles richtig. 

Am Anfang hat sie ihre Freunde noch durch Rundmails über ihre Leidensgeschichte informiert: unsentimental, manchmal humorvoll, und immer mit der Botschaft, dass es nun schon viel, viel besser gehe. Mehrmals wähnte sie ihre Krankheit besiegt, feierte Wiedergeburt, stürzte sich mit selten gezeigter Begeisterung in neue Pläne, so dass den Freunden ganz schwindelig wurde. 

Wie ihr zeitweilig prominenterer Bruder Mathieu auch (der daraus allerdings ganz andere Konsequenzen zog als seine Schwester), gehörte Mareike Carrière zu den Menschen, die aus Erfahrung wissen, was eine tiefe Lebenswunde ist. Sie verbrachte Jahre ihrer Kindheit auf dem Gelände einer Klinik, wo ihr Vater als Psychiater arbeitete, ihre Mutter war Psychoanalytikerin. Alle drei Kinder wurden Schauspieler. Der ältere Bruder Till brachte sich mit 26 Jahren um. Eine lange Zeit kämpfte Mareike Carrière mit Depressionen und Essstörungen. Sie hat darüber auch öffentlich immer wieder berichtet, ohne dass dies je berechnend wirkte. Es war vielmehr eine Erklärung dafür, warum sie so war, wie sie spielte.

Noch im letzten Sommer vor der Kamera

Mareike Carrière trat vor allem in Fernsehspielen und Serien auf. Am bekanntesten waren die 62 Folgen Großstadtrevier, in denen sie die Kommissarin Ellen Wegener verkörperte – eine der ersten Frauenrollen im liebsten Genre der Deutschen. Sie vermochte ihren Charakteren eine Natürlichkeit und zugleich eine Feinheit zu geben, die in den meisten ihrer Drehbücher nicht unbedingt angelegt waren. Noch im Sommer vergangenen Jahres stand sie für die ZDF-Filmreihe Frühling vor der Kamera. Da spielte sie schon mit einer Perücke und der Komplizenschaft ihrer Kollegen, die ihre Krankheit nach außen verheimlichten. Auch bei ihren Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten war sie stets unter falschem Namen angemeldet, um nicht Beute der Boulevardmedien zu werden.

Im vergangenen Winter kam die Krankheit zurück. Und in der Entgrenzung ihrer Leidensgeschichte wuchs Mareike Carrière eine Kraft zu, die für ihre Familie und ihre Freunde fast schon beschämend wirkte. Alles war ausgerichtet auf das Befinden ihrer Nächsten. Auch als sie nur noch ein Schatten ihrer selbst war, galt die erste Frage einem Detail aus dem Leben der anderen.

In Würde und nicht allein sterben

Ihre letzte große Anstrengung galt vor knapp vier Wochen der Organisation des Geburtstagsfestes ihres Mannes, mit dem sie in zweiter Ehe in Hamburg lebte. Bei diesem Anlass hat sie noch mal alle ihre Lieben um sich versammelt. Aber die letzten Wochen waren das schiere Elend. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt aus dem Jahr 2009 sagte sie: "Es ist sehr wichtig, in Würde und nicht allein zu sterben." 

Allein war sie nicht, was aber kein Trost ist. Denn wahrscheinlich gibt es auch beim Trost keine rechte Skalierung. Mareike Carrière starb am Montagmorgen im Alter von 59 Jahren.