Plötzlich stehen die Kosaken vor der Tür: "Man hat uns informiert, dass hier eine Veranstaltung zum Schutz von Pussy Riot stattfindet", sagt einer, "und dass dabei die orthodoxe Kirche kritisiert wird". Das wollen die streng gläubigen Patrioten unbedingt verhindern.

Was sie nicht wissen: Hinter den Türen des Sacharow-Zentrums in Moskau sind zwar durchaus kritische Stimmen zu hören, doch gehören die zu dem dreitätigen Dokumentartheaterstück Die Moskauer Prozesse von Milo Rau. Die davon im März 2013 entstandenen Filmaufnahmen sind nun im Kino zu sehen.

In dieser Szene in Milo Raus Film prallen Fiktion und Wirklichkeit am deutlichsten aufeinander: Die in konservativ-religiösen Bürgerwehren organisierten Kosaken stehen tatsächlich vor der Tür und glauben, es mit einer kirchenkritischen Kunstaktion zu tun zu haben. Aber ihr Auftritt im Film ist nicht geplant, genauso wenig wie jener der russischen Migrationsbehörde, deren Mitarbeiter zuvor in den Gerichtssaal geplatzt sind und wissen wollten, ob der Schweizer, der das hier alles organisiert hat, auch die nötigen Papiere hat.

Der Schweizer, das ist Regisseur und Autor Milo Rau, 37. Er lässt in seinem Dokumentartheaterstück drei Verfahren aus den vergangenen Jahren neu verhandeln, die in seinen Augen das Ende des demokratischen Russlands markieren: Die beiden Prozesse gegen Künstler und Kuratoren der Ausstellungen Vorsicht! Religion, die religiöse Symbole verfremdete und etwa mit dem Jesusgesicht für Coca Cola warb, und Verbotene Kunst, die Werke zeigte, die andere Ausstellungen abgelehnt hatten, wie etwa einen gekreuzigten Lenin. Und natürlich der Prozess gegen die Aktivistinnen von Pussy Riot, die in der Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihrem "Punk-Gebet" gegen die Verstrickung von Staat und Kirche protestiert hatten.

In den 86 Minuten des Films ist der Gerichtsaal von innen zu sehen, unterbrochen nur von kurzen Interviewausschnitten mit Zeugen (und dem Auftritt der Kosaken). Raus Konzept ist jedoch kein einfaches Reenactment, hier geht es nicht um das möglichst detailgetreue Nachspielen von historischen Ereignissen – der Regisseur bestimmte zwar die Rahmenbedingungen, aber den Verlauf der Verhandlung überließ er seinen Protagonisten. Ihm gehe es darum, sagt er zu Beginn des Films, zu zeigen, wie die Prozesse hätten aussehen können, wenn sie tatsächlich nach den rechtsstaatlichen Grundsätzen des Landes abgelaufen wären. Wenn sie nicht dazu genutzt worden wären, staats- und kirchenkritische Stimmen einzuschüchtern.  

Viel wichtiger als das Urteil im Film – ein knapper Freispruch – ist jedoch der Einblick in die russische Gesellschaft und ihr Verhältnis zu Religion und Autorität, den Rau gewährt. Eine Gesellschaft, die nicht nur zu drei Vierteln russisch-orthodox ist, sondern ein schweres Trauma mit sich trägt, seit in der Sowjetzeit alles Religiöse verboten war und eine Zensurbehörde "antisowjetische Propaganda", auch in der Kunst, eliminierte – und sich nun trotzdem oder gerade deshalb auf der Suche nach Autorität der Kirche zuwendet.

Mit dem Titel des Stücks knüpft Rau an die historischen Moskauer Prozesse an: So werden drei Schauprozesse zwischen 1936 und 1938 genannt, in denen Stalin seine innerparteilichen Gegner, die Gefolgschaft Lenins aus Zeiten der Oktoberrevolution, zum Tode verurteilen ließ. Es war der Beginn von Stalins Großem Terror.