Im Süßigkeitenautomaten des Notaufnahmelagers heißt "Twix" noch "Raider". Für die Neuankömmlinge, Bürger der DDR und anderer Ostblockstaaten, ist der Schokoriegel eines der wenigen greifbaren Zeichen für die Versprechungen des Westens. Denn nach ihrer Ausreise sind sie nicht in der ersehnten Freiheit gelandet, sondern einem engen, feuchten, überfüllten Gebäudekomplex, umstellt von Zäunen, ähnlich jenen, vor denen sie geflohen sind. Um eine Aufenthaltserlaubins für Westdeutschland zu bekommen, werden die Flüchtlinge zuerst von Ärzten, der Polizei und dem Geheimdienst durchleuchtet. Nelly Senff (Jördis Triebel) und ihr zehnjähriger Sohn Alexej sind zwei von ihnen, die Ende der Siebziger in dem Lager in Westberlin ankommen.

In dem 2003 erschienenen Roman Lagerfeuer beschreibt Julia Franck ihre eigene Geschichte. Nicht aus biografischer Perspektive, sondern aus der Sicht von vier verschiedenen Figuren. Eine davon ist Nelly Senff, eine Chemikerin aus Ost-Berlin, die die ewigen Fragen der Stasi nach dem Tod ihres russischen Freundes nicht mehr erträgt und zwei Jahre, nachdem sie die Ausreise beantragte, endlich mit ihren zwei Kindern in den Westen entlassen wird.

Der Regisseur Christian Schwochow und seine Mutter Heide, mit der zusammen er das Drehbuch schrieb, machen diese Nelly Senff zur alleinigen Hauptfigur ihrer Verfilmung. Auch hat sie nur ein Kind. Die Schwochows bedienten sich zwar der Vorlage, machten daraus aber ihre eigene, reduzierte Filmversion. Auch sie wissen, wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein. 1989, kurz nach dem Mauerfall, kamen sie aus der DDR nach Westberlin, wo sie monatelang zu dritt im Wohnzimmer einer Freundin von Heide Schwochows Mutter lebten. Diese Erfahrungen schlagen sich im Film spürbar nieder. Und doch sind sich Film und Buch sehr nah. "Die Atmosphäre ist die Wahrheit des Romans", sagt Julia Franck über Lagerfeuer. "Er erzählt von Enge und einer Gefangenschaft, die die meisten der Menschen, die im Lager zusammenkamen, bereits schon in ihren Heimatländern erlebt hatten."

Die Atmosphäre übernimmt auch im Film eine Hauptrolle. So transportiert Westen den Geist von Lagerfeuer. Und die Schwochows schaffen mit ihrem Team etwas, was im deutschen Film leider häufig nicht klappt: Erinnerungsbilder auf die Leinwand zu übertragen, eine vergangene Welt auferstehen zu lassen. Viel zu oft leiden deutsche Historienfilme unter ihrer Kulissenhaftigkeit. Was zu einem nicht geringen Teil daran liegt, dass viele davon in der immer gleichen Kulisse entstanden: der 1998 für Sonnenallee errichteten und 2013 endlich abgerissenen "Berliner Straße" auf dem Babelsberger Studiogelände.

Christian Schwochow, sein Kameramann Frank Lamm und Szenenbildner Tim Pannen verzichteten dagegen fast völlig auf pompöse Totalen. Sie setzten eine unruhige, fiebrige Handkamera ein, die dicht an den Darstellern bleibt. Außenaufnahmen drehten sie erkennbar an realen Orten, die noch heute aussehen wie vor 40 Jahren. Innerhalb der sinnlichen Kadrage entstehen Zeitkolorit und Atmosphäre durch ein impressionistisches Nebenbei: Eine bröckelnde Mietskasernenfassade, eine gelbe Telefonzelle oder eben der Süßigkeitenautomat reichen der Fantasie des Zuschauers völlig, um die kleinen Ausschnitte im Kopf zum überzeugenden Bild einer Zeit zusammenzubauen, die heute schon so weit weg erscheint.