Ob sie Angst vor Attentaten habe? Die jüdische Friedensaktivistin lächelt, während sie in ihrer Küche das Frühstück bereitet. Früher, ja. Da habe sie unter dem Auto nach Bomben gesucht, bevor sie zur Arbeit fuhr. Später wartete sie jeden Morgen, bis der Gehweg frei von Passanten war, startete dann erst den Wagen. Für den Fall einer Explosion. Heute lasse sie auch das.

Vom mitunter absurden Leben in der Heiligen Stadt erzählt die Echtzeitdokumentation 24h Jerusalem. Gedreht wurde vor einem Jahr, mit 70 Kamerateams und mehr als 90 Protagonisten. Eine von ihnen ist die jüdische Friedensaktivistin. In den Augen radikaler Siedler gilt sie als Verräterin. Mit friedlichen Mitteln kämpft sie für ein Jerusalem, das allen gehört.

Vordergründig tut es das heute schon. In der israelischen Hauptstadt leben Juden, Muslime und Christen zum Teil Tür an Tür, sie alle haben ihre heiligen Stätten in der Altstadt: Klagemauer, Al-Aksa-Moschee, Grabeskirche. Die symbolische Bedeutung für drei Weltreligionen macht Jerusalem zu einem fragilen Konstrukt gegenläufiger Interessen.     

Ab 6 Uhr zeigt ZEIT ONLINE die Echzeitdokumentation hier im Livestream.


24h Jerusalem zeigt die Nachbarn von Nahem: Ein ultraorthodoxes Siedlerpaar mit neun Kindern, das vom rein jüdischen Jerusalem träumt. Eine muslimische Lehrerin, die ihre Schüler allmorgendlich im Gleichklang rufen lässt: "Kopf hoch, du bist Palästinenser!" Einen russisch-orthodoxen Pilger, der in winzigen Unterkünften haust, angefüllt mit Heiligenbildern.

Sie alle kommen unkommentiert zu Wort, die Radikalen, die Versöhnlichen. Auch diejenigen, für die der Glaube eine untergeordnete Rolle spielt. Völlig entziehen kann sich dem Religionskonflikt in Jerusalem aber niemand.
Die Off-Stimme liefert dabei schlanke Fakten: Uhrzeit, Temperatur, Kerndaten der Geschichte Jerusalems. Es sei darum gegangen, einen Schritt zurückzutreten und nicht zu urteilen, sagt Volker Heise, der Kopf der 24-stündigen Echtzeitdokumentation. Entstanden sei ein Film "von Europäern für Europäer", sagt sein Produzent Thomas Kufus.
Jerusalem ist das zweite "24h"-Projekt. 2009 beobachteten Heise und Kufus einen Tag lang Menschen in Berlin, von Klaus Wowereit, Daniel Barenboim bis zur alleinerziehenden Mutter im Plattenbau.

Während in Berlin Historie in den Hintergrund trat, prägt in Jerusalem (Religions-)Geschichte die Gegenwart – und so auch die Dokumentation. Wer am Status der Stadt rüttle, heißt es dort, der stelle den Sprengstoff scharf. Ein Bewohner beschreibt das Leben als "Kampf der Kulturen in drei Dimensionen".