Irgendwann hat sich in den Fernsehanstalten herumgesprochen, dass man das Internet nicht länger ignorieren kann. Seither kommt kaum eine Talkshow ohne den jungen engagierten Kollegen aus, der aus Twitter zitiert, kaum ein Film, nach dem die Zuschauer nicht aufgefordert werden, doch noch bitte hernach im Netz mitzudiskutieren, oder es lesen geklonte Schrowanges vor, "worüber das Web lacht". Und falls in die Programmleiter gerade mal nicht der Geistesblitz eingeschlagen ist, womit man die bange Leere zwischen Silbereisen und Sportschau vollsenden kann, schauen sie sich im Internet nach sogenannten frischen Formaten um. Der NDR fand diesmal den Postillon.

Der Postillon ist eine Satireseite, betrieben von Stefan Sichermann. Knapp vier Millionen Menschen lesen dort Absurditäten, die sich als handfeste Nachrichten tarnen. Zum Beispiel neulich zu Ostern: "Polizeikommando sprengt verdächtiges Ei – verdächtiger Hase festgenommen". Oder: "Neue Zeitform Futur III eingeführt, um Gespräche über Berliner Flughafen zu ermöglichen." Dafür bekam Sichermann sogar den Grimme-Preis

Der Erfolg der Seite erklärt sich nicht nur aus der formalen Perfektion, mit der sie das Sprachgeröll imitiert, das täglich aus Tickern schwirrt, mit der oftmals himmelschreienden Nichtigkeit und den dramatisierenden Gedankenstrichen. Die Online-Ausgabe des Postillon ist auch im besten Fall ein Störsignal im Informationsrauschen.

Denn so absurd, überdreht, komisch und entgrenzt es da auch manchmal zugeht, so besitzt sie, wie alle gute Satire, einen moralischen Kern: das Unbehagen am hysterischen Echtzeitjournalismus, der das Dasein zum Dabeisein gesteigert hat. Der Postillon gibt aktuellen Ereignissen oft treffsicher eine satirische Wendung, und seine Falschmeldungen werden über soziale Netzwerke verbreitet und stehen plötzlich gleichwertig neben den anderen Nachrichten aus den Agenturen. Satire wird im besten Fall kurz verwechselbar mit der Wirklichkeit. 

Einige Aufregung rief der Postillon hervor, als er kürzlich die tatsächliche Meldung verkündete, dass der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla in den Bahnvorstand wechsle – allerdings vordatiert, so dass es hernach wirkte, alle Zeitungen seien auf eine Satire hereingefallen.

Die glückliche Häme in den Kommentarspalten der regulären Online-Medien war naturgemäß groß, und der Postillon füttert und befriedigt mit großer Lust den Verdruss und das kuriose Misstrauen gegenüber Nachrichten, das einige Menschen kultiviert haben: Wenn man eh nie weiß, ob es stimmt, was in der Zeitung steht, kann man ja gleich Quatsch lesen. Alles ist Geschwätz, hat Montaigne einmal gesagt. Das erfolgreiche Gegengift des Postillons lautet: Noch mehr Geschwätz!              

Nun ist der Postillon auch ins Fernsehen gekommen, im Stile der Abendnachrichten, freitags um Mitternacht auf NDR: Zwei Ansager (männlich und weiblich) clausklebern durch 15 Minuten. Postillon 24 heißt die Sendung, während der allerdings alles verfliegt, was den Reiz der Online-Seite ausmacht.

Der Ticker vermeldet zum Beispiel: "Falsch verbunden – Bondagekünstler durch Anruf abgelenkt" und vergleichbare Wortspielchen. Mit ernster Infomiene moderieren die Ansager Berichte über das "erste Huhn mit Tofugeschmack" an, eine Mutter wurde bei der Geburt vertauscht oder es wurde der erste Schnorrer entdeckt, bei dem man mit EC-Karte bezahlen kann. Die Sendung scheint der beste Beweis zu sein, dass Formate aus einem Medium nicht unbedingt verlustfrei in ein anderes zu übersetzen sind.