Der Schönheit von John Coltranes Musik erliegt selbst die strengste Glaubensschwester. Schwermütig klingt das Altsaxofon durch die Hotelflure. Eine träge Melodie, umschmeichelt vom dezenten Schlagzeugrhythmus und den warmen Klangtupfern eines Klaviers, zieht die junge Novizin Anna magisch an.

Sie folgt der Musik durch das Treppenhaus hinunter in den leeren Tanzsaal, wo ein paar Stunden zuvor noch eine wilde Party stattgefunden hat. Am Rande stehend lauscht sie den in ihr Spiel versunkenen Musikern. Später fragt sie den jungen Saxofonisten, was sie denn gespielt hätten und er antwortet: Naima. John Coltranes wohl berühmtestes Stück ist eine sehnsuchtsvolle Ode an seine erste Frau, in dessen sanfter Melancholie bereits die spirituelle Intensität des späten "Trane" durchscheint – eine wilde Leidenschaft, die zu etwas Höherem berufen ist.

Es überrascht nicht, dass Anna eine besondere Beziehung zu diesem Stück spürt. Auch sie befindet sich in einem inneren Widerstreit: die Leidenschaft einer jungen Frau kollidiert mit ihrem Glauben, dem einzigen Halt in ihrem bisherigen Leben. Naima, aufgeschnappt in einer einsamen Nacht in einem leeren verrauchten Ballsaal, wird für Anna zu einer Art Erweckungserlebnis.        

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski muss selten viel konkreter als in dieser Szene werden, um Einblicke in das Gefühlsleben seiner Figuren zu gewähren. Sein Film Ida handelt von den inneren Konflikten zwei sehr unterschiedlicher Frauen. Dass diese Konflikte auch in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stehen, beschreibt Pawlikowski so beiläufig und ernst wie den Moment einer musikalischen Epiphanie. 

Ein Geheimnis der polnischen Geschichte

Ida spielt 1962 in Polen, in der Rekonvaleszenzphase nach den bleiernen Jahren des Stalinismus. Freier sind die Menschen seither nicht, das politische System hat Spuren im Alltag hinterlassen. Viele tragen ein Geheimnis mit sich, das weit in die polnische Geschichte zurückreicht.

Die 18-jährige Waisenmädchen Anna steht kurz vor ihrem Gelübde, als die Ordensmutter ihr von einer überlebenden Verwandten in der Stadt berichtet. Wanda will von ihrer Nichte nichts wissen, dennoch beschließt Anna, ihre Tante aufzusuchen, bevor sie sich endgültig für ein Leben mit Gott entscheidet. Das Treffen der beiden Frauen verläuft wenig herzlich. Wanda erklärt Anna, dass ihr richtiger Name Ida sei und ihre Eltern Juden waren, die im Krieg umgebracht wurden. Bevor das Mädchen den Schock verarbeiten kann, wird sie von der Frau auch schon wieder aus der Wohnung komplimentiert.