Jeff moderiert heute Circus Halligalli. Er tut das, damit sein bester Freund, Sultan, einen Fernseher gewinnt. Einen Fernseher? Dass man Leute noch mit dem Gewinn eines Fernsehers dazu bringen kann, sich zu erniedrigen! Der Fernseher war das Statussymbol der Nachkriegszeit. Wer einen hatte, war der Gunter Sachs der Trümmerfrauen. Jeff ist Sultans Trümmerfrau. Inzwischen ist der Fernseher das Statussymbol des Prekariats.

 

Wenn man unbedingt ins Fernsehen will, kann man sich in der Rubrik "Mein bester Feind" bei Circus Halligalli bewerben. Dort meldet man seinen Freund zu einer Art Mutprobe an: an einem Bungeeseil befestigt aus einem Hubschrauber springen, als brandenburgisches Riesenschnitzel verkleidet eine Stunde mit Jumbo Schreiner in einem Raum aushalten, ohne gegessen zu werden. Oder als Drag-Queen vor der Al-Nur-Moschee Kondome verteilen.

Oder halt die Show moderieren. Jeff kündigt brav Jan Delay an, der ja jetzt Rockmusik macht, er kündigt eine Band aus Berlin an, die immer noch so röhrenjeansmäßig singt, mit falschem London-Akzent, wie sie in Berlin vor sieben Jahren gesungen haben, um 17-Jährige klarzumachen. Circus Halligalli zu moderieren, sei gar nicht so einfach, meint Jeff, da "die Show so etwas ist, wie der FC Bayern der Fernsehbranche – total beliebt bei vielen und mit Titeln überhäuft".

Genau wie der FC Bayern sind Joko und Klaas omnipräsent. Stellen Sie sich den entlegensten Ort Deutschlands vor. Föhr oder so. Man fährt dort hin, mit dem ICE über Hamburg und dann mit der Nord-Ostsee-Bahn weiter. Joko und Klaas sitzen schon im Zug. Auf dem Cover von mobil – Das Magazin der Deutschen Bahn. Klaas schaut ganz ernst und Joko grinst auf dem Cover. Sie tragen Anzüge und Turnschuhe. Auf dem zweiten Bild im Magazin, das im Berliner Futuro-Haus aufgenommen wurde, spielen sie Mikado und Klaas weiße Kreppsohlen sind kackbraun von der Erde vor dem Futuro-Haus. Für Mai sei eine neue Liveshow in Planung?, fragt das Bahn-Magazin. Und Joko Winterscheidt antwortet: "Es wird live sein, so viel steht fest."

Klaas sitzt in der letzten Folge von Harald Schmidt. Joko muss bei einem Sido-Konzert rappen. Zusammen sollten sie Wetten, dass..? retten. Und weil das eine ganze Nation pausenlos wiederholt, glaubt eine Nation das irgendwann. 83 Millionen schimpfen über Gottschalk und Lanz – zu Recht, das sind grausame Menschen, die ihre Gäste befummeln und mit bürgerlicher Moral quälen – aber sie sollten sich auch fragen, ob in Joko und Klaas nicht der nächste Lanz, der nächste Gottschalk, der nächste Kerner und Silbereisen lauert.

Drei Sendungen auf drei Sendern

Die vermeintlichen Erneuerer führen seit 2009 durch das gleiche Programm. Erst hieß ihre Sendung MTV Home, dann neoParadise und jetzt eben Circus Halligalli. Drei Sendungen auf drei Sendern und trotzdem hat sich nichts verändert. Sie machen Duelle um die Welt und an Silvester stehen sie mit Mirjam Weichselbraun vorm Brandenburger Tor. Wer Silvester vor dem Brandenburger Tor steht und mit den ganzen Bratwurst fressenden Deppen dort ins Neue Jahr feiert,  sollte keinen Grimme-Preis bekommen, der sollte gar nichts mehr bekommen. Menschen, die Silvester Ansprachen vor dem Brandenburger Tor halten, gehören zu Moik und Borg, sie gehören in den Stadl oder in den ZDF-Fernsehgarten.

Eko Fresh kommt auch noch in die Sendung. "Guck mal dieser Joko Winterscheidt/ er leckt während der Werbepause gerne dem Klaas die Schoko aus dem Hinterleib", rappt er. Dabei wird eine Puppe verbrannt, die Klaas ähnelt. So wie Bushido das mit Kay One gemacht hat.

Frauenarzt und Manny Marc kommen auch und natürlich auch Bass Sultan Hengzt: "Du Wichser mit Deiner Hipster-Figur/ lauf mal durch Neukölln mit Deiner Hitler-Frisur." Das war die Antwort auf Jokos Auftritt beim Sido-Konzert. Dort stand er in Berlin auf der Bühne und musste alle anwesenden Rapper beleidigen.

Joko, der abgebrochene Werbekaufmann und Klaas, der Friseur – Menschen aus Deutschlands Mitte zeigen ihresgleichen die Abgründe. Sie betreiben eine Art Schichten-Kolonialismus. Verlosen ironisch Fernseher, erheben sich über die Zuschauer, die ihr Prusten-Kotzen-Mutproben-Gerammel feiern. Und wirken doch wie auf Augenhöhe. Wie einer von den Zuschauern.

Die bekommen echte Probleme, wenn sie betrunken mit einem Polizisten rangeln. Klaas kriegt einen Gehaltsbonus. Und schreibt dem Polizisten ein Autogramm.

Verbrauch des Autors während der Sendung:  Einen Meter Brandenburger-Tor-Bratwurst, zwei San Pellegrino
Aranciata aus der Dose

Persönliche Wertung: 3 von 10 Silvesterknallfröschen