Hinterher ist man immer klüger. Hinterher hat keiner Lothar Matthäus gemocht. Hinterher war Kohl schon immer korrupt, Gammelfleisch eklig, Atomstrom böse. Und da sich das Licht der Erkenntnis stets durchs Dickicht dunkler Historie in die erwachende Zukunft kämpfen muss, war hinterher sogar er ganz dufte, ach was: der einzig Wahre, Unerreichte, irgendwie bloß falsch Verstandene, der Showmaster schlechthin: Thomas Gottschalk. Und das sagt über die Vergangenheit von Wetten, dass..? ebenso viel aus wie dessen Gegenwart.

Die nämlich sieht wie folgt aus: Markus Lanz hoppelt die Showtreppe zum Wettsofa runter und begrüßt Offenburg, Deutschland, die ganze Welt, mit großer Geste. Er ortet kurz vorm Flieger, den Cameron Diaz nach einer Stunde kriegen muss, deutsches Blut im Weltstar und kommt dann auf ihren neuen Film zu sprechen. Er begrüßt Kinderwettenkinder mit "zwei Lümmel von der ersten Bank" und müht sich um kindgerechten Tonfall. Er kündigt den anspruchslosesten Fernsehschnulzenstar an, als lebe der ganz oben im Arthaus und entlockt Veronica Ferres vorm Trailer ihrer neuen Fernsehstarschnulze ein Hochzeitsgeheimnis. Er kommentiert den Liveact mit "Wow" und hilft Anastacia artig beim Verkabeln.

Kurzum: Er macht eigentlich alles wie sein Vorgänger, also richtig. Nur: Richtig ist zu wenig, wenn nichts davon wie Gottschalk instinktiv durchs lose Mundwerk entweicht, sondern am Stock vorbei dem Hintern. Auch in Offenburg vermittelte Markus Lanz stets den Eindruck, ein Souffleur flüstere ihm ein, nach der verpatzten Wette jjjjetzt den Kopf des traurigen Jungen zu tätscheln und im Modegespräch mit dem Modeguru Guido Maria Kretschmer "Hirsch-" statt "Arschgeweih" zu sagen.

Ein tapfer glucksendes Ziel mächtiger Shitstorms

Genau diese stahlbetonlockere Lässigkeit kennzeichnet seit Lanz’ Antritt vor 18 Monaten den traurigsten Abgang der Fernsehgeschichte seit dem Tod von Winnetou: Europas einst größte Unterhaltungssendung ist tot und schlimmer noch: Keiner scheint darüber zu trauern. Nicht der Moderator, dieses tapfer glucksende Ziel mächtiger Shitstorms. Auch nicht sein Intendant Thomas Bellut, der ihm im Kloakeregen den Regenschirm versagte. Geschweige denn ein Publikum, das dem Zuschauerkrösus eiskalt die Quote geviertelt hat, seit dieses Lagerfeuer der TV-Nation an einem Februartag vor 33 Jahren 24 Millionen Menschen die Stuben wärmte.

Das waren Zeiten, nein – es war eine Epoche, als der mediale Fahnenappell sechs, sieben Mal im Jahr drei Viertel aller fernsehenden (West-)Deutschen vorm Zweiten dreier Programme bannte. Gut, der Zuspruch sank und sank und sank keinesfalls erst auf der Schleimspur von heute. Er sank, weil plötzlich Privatsender gegenansendeten. Weil das Internet Aufmerksamkeit abzog. Weil ein selbstgerechter Moderator in lockigem Blond nur um sich selbst kreiste. Er sank also lange vor dem Oktober 2012.

Lange Zeit konnte der alte Zeremonienmeister in Operettenuniform die ewig gleichen Witze zu ewig gleichen Wetten der ewig gleichen Gäste reißen: Das Publikum folgte bei Berbens 10. Auftritt ebenso wie dem 17. von Maffay. Aber auch den Gott(schalk) heiterer Belanglosigkeit traf Mitte der Nullerjahre – eingekeilt zwischen RTL und Pro7, die nun ihre besten Pferde gegen den Platzhirsch ins Rennen schickten – erstmals die Siebenstelligkeit.

Dennoch hatte das Nichts nirgends mehr Substanz als beim "Göttlichen Bub", wie ihn Martin Walser pries. Vielleicht, weil es aus Sicht des Medienkritikers Georg Seeßlen dank "Intimität und Glamour, Spannung und Alltäglichkeit, Knabbergebäck und Bild-Schlagzeile, Größenwahn und Muckertum" zur "Essenz des (deutschen) Fernsehens" gerann.