Der Mann ist Jude und Atheist. Er inszeniert verstörende Filme um Drogenabhängige (Requiem For A Dream), alternde Gladiatoren (The Wrestler) und psychotische Balletttänzerinnen (Black Swan). Er hat ein Kind mit der Schauspielerin Rachel Weisz, war aber nie mit ihr verheiratet. Darren Aronofsky ist für evangelikale Kreise in den USA ein rotes Tuch. Und dann das: Ausgerechnet dieser posterboy des New Yorker Intellektuellen verfilmt die biblische Geschichte von Noah, Sintflut und Arche. Warum? Weil er, wie er der amerikanischen Filmzeitschrift Variety anvertraute, schon als 13-Jähriger so von der Geschichte fasziniert war, dass er mit einem Gedicht darüber einen Schulwettbewerb gewann. Seine damalige Lehrerin Mrs. Fried bekam jetzt sogar eine Nebenrolle in dem 130 Millionen Dollar teuren Blockbuster.

Niedlich. Aber die Befürchtungen vor allem fundamentalchristlicher Gruppierungen, die in den USA enormen Einfluss haben, blieben. Der evangelikale Schriftsteller und Drehbuchautor Brian Godawa stellte im Herbst 2013 eine frühe Version des Drehbuchs online und beschrieb es als "unbiblisch und eine Verschleuderung von 150 Millionen Dollar, die einen wirklich inspirierten und spannenden Film über den Bibelhelden für die nächsten Dekaden unmöglich machen wird." Das produzierende Paramount-Studio bekam kalte Füße. Es gab Streit um den final cut, und das Studio organisierte Testvorführungen mit eigenen Schnittversionen. Die Fassung, die in den USA vergangene Woche startete, ist dennoch die ursprünglich von Aronofsky intendierte. Und siehe, alle Sorgen lösten sich in Wohlgefallen auf angesichts eines souveränen ersten Platzes in den Kinocharts und einem Einspielergebnis von 44 Millionen Dollar. Sogar der Papst soll ihm seinen Segen gegeben haben.

Zur Kontroverse eignet sich der fertige Film nun auch wirklich nicht. Noah ist vor allem eines: konventionelles Bombastkino mit dem typischen Brimborium wie computergenerierten Effekten, magischen Bilderwelten und sogar riesigen Monstern. Aronofsky hatte zuvor getönt, Noah werde der unbiblischste Film aller Zeiten. In gewisser Weise behielt er recht, aber nicht, weil er die Geschichte einer radikalen, atheistischen Neuinterpretation unterzogen hätte. Nein, sein Film erschließt die Bibel vielmehr als Steinbruch für Fantasy-Stoffe, der Hollywoods Hunger nach immer neuen Geschichten für ein Genre stillt, das seit Der Herr der Ringe Profit abwirft.

So wird Noah, der als literarische Figur in der Bibel ohnehin blass bleibt und natürlich nicht als historische Figur zu verstehen ist, bei Aronofsky zu einem Helden mit innerem Konflikt. Rustikal von Schwergewicht Russel Crowe im Gladiator-Modus verkörpert, gleicht der Archenbau dieses Noah einer Quest, also einer abenteuerlichen Reise, ohne die bis heute kein Fantasy-Roman oder -film auskommt. Auch die zahlreichen hinzuerfundenen Episoden des Drehbuchs machen Noah eher zu einem Fantasy- als einem Bibelfilm. Noah besucht etwa seinen Großvater Methusalem (Anthony Hopkins), den das Skript mit allerlei magischen und seherischen Fähigkeiten ausstattet. Das Waisenmädchen Ila (Emma Watson) verliebt sich in Noahs Sohn Shem, wird nach vielem Hin und Her schwanger und legt damit den Grundkonflikt für das letzte Drittel der Handlung. Der böse König Tubal-Kain (Ray Winstone), der später als blinder Passagier auf die Arche gelangt, sorgt für die nötige Spannungsdramaturgie.