Die Frage stellt sich neu, wer hier eigentlich paranoid ist. Seit Edward Snowden vor elf Monaten begann, das Ausmaß der Internetüberwachung durch den amerikanischen Geheimdienst NSA bekannt zu machen, scheint jegliche Verschwörungstheorie geschrumpft. Nicht einmal die Irren dieser Welt hatten sich das vorstellen können. Oder doch? 

Es braucht einen gewissen Mut, eine Antwort darauf zu suchen. Denn dafür muss man mit den Irren sprechen und vor allem: ihnen zuhören. Das kann mühselig werden. Niels Bolbrinker hat es dennoch getan. Herausgekommen ist die Dokumentation Die Wirklichkeit kommt. 84 Minuten, die schmerzen. Vor Fremdscham. Aber auch, weil tief im Zuschauer unablässig der Gedanke bohrt, es könnte etwas dran sein an diesem ganzen Narrengerede. 

"Wer früher von unsichtbaren Strahlen verfolgt war und sich am Telefon überwacht glaubte, galt als paranoid. Wer heute ein Lebenszeichen von sich gibt, wird schon registriert", so spielt die Marketingabteilung der Produktionsfirma in ihrer Werbebroschüre mit dem Schauder, den wir verspüren, wenn Wirklichkeit und Wahnsinn aufeinandertreffen. "Doch das ist erst der Anfang. Die Forschung geht weiter, die Wirklichkeit kommt." Das ist geschickt verkauft, aber eigentlich perfider Unsinn. Denn nichts von dem, was Bolbrinkers Protagonisten berichten, hat etwas mit der Realität zu tun. 

Da ist Harald, der im Bauwagen lebt und behauptet, eine größere Macht strafe ihn mit Schlaflosigkeit. Er drängt arglosen Passanten Flugblätter auf, in denen er von elektromagnetischen Waffen faselt, mit denen wir täglich angegriffen würden. Von wem? Von jemandem. Oder Frau B., die rastlos um die Welt reist, sich ständig verfolgt fühlt und behauptet, jemand (wieder dieser jemand!) habe ihr einen Chip ins Hirn implantiert. Oder der Russlanddeutsche, der in der Sowjetunion vom Inlandsgeheimdienst gezwungen werden sollte, seine Kollegen zu bespitzeln. Er tat es nicht, wanderte aus und hört nun Stimmen. Schließlich der Herr aus Thüringen, der in seiner Dorfidylle sitzt und Johannisbeeren vom Stiel streift, während er von Radarstrahlen erzählt, die ihn jagen. Wer sie schickt? "Es geht alles auf eine anonyme Art und Weise." 

Jedem Psychiater sind solche Leute schon begegnet, und nicht nur einmal. Leicht lassen sich ihre Traumata erkennen: Der Vater des Thüringers starb nach einem Strahlenunfall im Uranbergbau. Schon der Vater des Russlanddeutschen wurde vom sowjetischen Geheimdienst verfolgt, der Großvater von den Bolschewiken ermordet. Bedauernswerte Schicksale. Mit der technischen Wirklichkeit aber oder mit der Realität der Überwachung haben ihre Geschichten scheinbar nichts zu tun. 

Haben sie doch. Nur anders, als sie selbst denken. Nicht, weil sie Wirklichkeit vorwegnähmen, wie der Filmemacher uns Glauben machen will. Sondern weil ihre Ängste zur bösen Karikatur werden auf die Wirklichkeit, die schon da ist. Geheimdienste und Netzunternehmen müssen nicht in unsere Gehirne eindringen, um zu wissen, was wir denken. Sie müssen keine bösen Strahlen schicken, um unser Verhalten zu manipulieren. Längst sind sie darüber hinaus. Jeder kann es wissen, es wird täglich aufgeschrieben und Constanze Kurz vom Chaos Computer Club darf es im Film auch sagen.