So, das war's: Ein sehr ordentlicher Festivaljahrgang hat sich in die Champagnerlounge verabschiedet. Wahrscheinlich beglückwünschen die Laureaten sich gerade gegenseitig und versichern, wie unfassbar überrascht (und geehrt) sie sich fühlen von dem Preis, den sie jetzt in den Händen halten.

Zwischen all den bezaubernden Lächeln der Gewinner – allen voran dem von Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der in diesem Jahr für sein Werk Winter Sleep die Goldene Palme erhält – erfrischt der kanadische Regisseur Xavier Dolan mit einem kurzen Moment der Authentizität. "Ja", gibt er zu, "ich bin auch enttäuscht".

Sein Film Mommy wurde seit der Premiere am 22. Mai durchgängig als der Favorit gehandelt. Es war wieder viel vom "Wunderkind" die Rede, aber das schreiben Filmkritiker schon, seit Dolan mit gerade mal 18 Jahren das Drehbuch für seinen ersten Langfilmerfolg verfasst hat, (I killed my mother). Stattdessen gab es jetzt für ihn nur die drittwichtigste Auszeichnung, die in Cannes für einen Filmemacher zu bekommen ist: den Preis der Jury. Und den muss er sich zudem noch teilen (immerhin mit dem bekannten Regisseur Jean-Luc Godard, für Adieu au langage).

"Man muss große Träume haben", sagt Dolan. "Ich habe den Eindruck, heute haben alle viel zu kleine Träume. Mit kleinen Träumen verändert man nicht die Welt. Die Welt muss jedoch verändert werden." Der Kerl ist eben gerade mal 25.

Regisseur Xavier Dolan in Cannes © Sebastien Nogier / epa / dpa

Ob es ein Zufall sei, dass sich dieser Junge (Dolan) den Preis der Jury ausgerechnet mit dem ältesten Festivalteilnehmer (Jean-Luc Godard) teilen müsse, wird Jane Campion, die diesjährige Jury-Präsidentin, nach der Preisverleihung gefragt. Dolan gibt auch darauf die interessantere Antwort: Es sei wohl kein Zufall. Godard und er würden sich beide durch große Freiheit im Filmemachen auszeichnen.

Godards Spaziergang mit der 3D-Kamera

Stimmt: Sie sind die Einzigen, die in diesem Wettbewerb mit ihrem Material gespielt haben, dessen filmische Möglichkeiten getestet haben. Der eine mit einem völlig ungewöhnlichen Bildformat (quadratisch! veränderbar!), der andere, indem er mit der 3D-Kamera spazieren gegangen ist, sodass beim Zuschauer die Sehnerven vibrieren. Godard hat vor einer Ewigkeit (genau: Nouvelle Vague) das Kino mit seinen Filmen erneuert. "Ich spüre, dass das Kino wieder an einer Zeitenwende steht", sagt Dolan, "und ich will es ebenfalls erneuern." Große Träume halt.



Godard war übrigens nicht zur Preisverleihung gekommen. Er wisse aber schon von der Auszeichnung, sagte der Produzent seines Films stellvertretend gegen 21 Uhr. "Vermutlich schläft Godard bereits." Und überhaupt: "Der Preis wird sein Leben nicht umwälzen." Sprach's, dankte und ging zurück in die Lounge.

Moralisch schreiben, aber nicht handeln

Der türkische Gewinnerfilm Winter Sleep ist die Geschichte von Aydin, einem gealterten Schauspieler, der in Kappadokien ein hübsches Hotel mit einigem Grund drumherum besitzt. Er lebt dort mit seiner jungen Frau Nihal und seiner frisch geschiedenen Schwester Necla. Die Saison ist vorbei, die letzten Touristen ziehen aus. Aydin füllt seine Zeit mit dem Schreiben sehr moralischer Artikel für die Lokalzeitung. Wenn es aber darum geht, in seiner unmittelbaren Umgebung zu handeln, die Armut zu mildern, bleibt er tatenlos.

So sympathisch Aydin anfangs erscheint, so entpuppt er sich als Heuchler und Feigling. "Du bist ein kultivierter, anständiger und gerechter Mann", sagt seine Frau Nihal zu ihm, "doch manchmal benutzt du diese Eigenschaften, um die anderen zu ersticken." 



Der Film hat dramatische Überlänge: drei Stunden und 16 Minuten. Selbst die Jurypräsidentin Campion gibt zu, dass ihr das Angst gemacht habe. Aber sie sagt auch, warum sie den Film doch geliebt habe: "Weil die Figuren darin so echt wirken." Keiner der drei Protagonisten ist wirklich nett, aber sie sind uns tatsächlich sehr nahe. "Ich wünschte, ich hätte den Mut, in meinen Filmen so ehrliche Figuren zu zeigen", sagte Campion und trifft damit genau das Besondere des Films.

Jedes Wort in den langen Dialogszenen stimmt. Die Dramaturgie stimmt. Und das ausbalancierte Wechselspiel zwischen Innen und Außen. So zeichnet der ruhige Film ein kritisches Bild der türkischen Intellektuellen, die viel reden, aber doch nichts ändern an den Zuständen um sie herum. 

Der Regisseur Nuri Bilge Ceylan hat seinen Preis allen Menschen in der Türkei gewidmet, die sich aktiv für Veränderungen in ihrer Heimat einsetzen. Vor allem denen, die dieser Einsatz bereits das Leben gekostet hat. Drei Stunden und 16 Minuten sind das allemal wert.

Deutliche Kritik am russischen Staatssystem

Auch der Film Leviathan von Oleg Negin und Andrei Zviaguintsev übt Kritik an einem Staatssystem und den Menschen darin. Er wurde für das beste Drehbuch prämiert und erzählt eine Leidensgeschichte wahrhaft biblischen Ausmaßes. "Mein Gott, warum ich?", fleht Kolia, ein Automechaniker an der russischen Barentssee, dessen Haus und Werkstatt leider an einer so reizvollen Stelle stehen, dass der örtliche Bürgermeister das Grundstück für sich selbst reklamiert. Er treibt die Enteignung mit allen Mitteln voran, was so viel Unglück über Kolia bringt, dass es noch mehr Unglück anzieht. Und wo all das Unglück nicht ausreicht, helfen staatliche Stellen und der Klerus nach.



Der Titel Leviathan bezieht sich hier unmittelbar auf Thomas Hobbes und den Staat als ein Monster, das die Menschen geschaffen haben, um sich nicht gegenseitig zu zerfleischen. In Leviathan ist dieses Monster außer Kontrolle geraten. Es ist eine sehr deutliche Kritik am russischen Staatssystem.

Viele Journalisten in Cannes haben sich allein deshalb einen Preis für diesen Film gewünscht. Viele hatten auch schon während der Vorführung über die Szene lauthals gelacht, in der drei Wodka-selige Russen mit ihren Gewehren auf die Porträts von Lenin und Jelzin schießen. Auf Putin, hieß es im Film, könne man noch nicht schießen, da fehle noch der historische Abstand.