Szene aus Mike Leighs Film "Mr. Turner" © Festival de Cannes

Auch davon erzählt der Film Mr. Turner: Um 1800 überlebte nur etwa jeder zehnte Säugling seine Geburt und die ersten Tage. Etliche kamen später nicht über das Kindesalter hinaus. William Turner, der britische Maler, verlor seine kleine Schwester kurz vor ihrem fünften Geburtstag, zwei seiner Klassenkameraden starben früh. Sein Künstlerkollege Haydon musste fünf seiner Kinder beerdigen, seine Frau ist darüber selbst krank geworden. Eine von Turners Töchtern stirbt. Es herrschen wirklich finstere Zustände in diesem England, aber William Turner ist auf der Suche nach dem Licht.

Darin ähnelt er durchaus dem britischen Filmemacher Mike Leigh. Auch er suchte in vielen seiner Filme nach dem Hellen in der sozialen Düsternis, vor allem der Thatcher- und Post-Thatcher-Ära. Es ist, wenn man so will, seine Spezialität. So gesehen verwundert es nicht, dass er ausgerechnet Turner zum Protagonisten seiner historischen Filmbiografie macht, diesen romantischen Maler, der gemeinhin als Meister des Lichts bezeichnet wird.

In einer Zeit, in der Maler noch in Ateliers arbeiteten und es als gelungene Kunst galt, das Gesehene möglichst präzise auf die Leinwand zu bringen, in dieser Zeit reiste Turner viel umher und skribbelte mit seinem Grafitstift Skizzenblock um Skizzenblock voll. Fast 100 Jahre vor den ersten Impressionisten stand er schon in der Landschaft herum und versuchte, Wolkenbilder festzuhalten. Wellen. Das Licht auf den Wellen. Gischt und Schnee und Stürme und den Unterschied zwischen einem Sonnenaufgang und einem Sonnenuntergang. Er war wie jeder ordentlicher Künstler ein Getriebener und wohl ziemlich exzentrisch. "Mit Frauen hatte er vor allem dysfunktionale Beziehungen", sagt Mike Leigh. Er widmet sich ihnen dennoch voller Empathie. Und mit viel Humor.

Dafür hat er seinen Lieblingsschauspieler, den britischen Charakterdarsteller Timothy Spall verpflichtet, Harry-Potter-Guckern vor allem als Wurmschwanz bekannt. Der wirkt schon zu Beginn des Films uralt, weil man unter den damals herrschenden Umständen mit Ende vierzig aussah, als würde man es nicht mehr wirklich lange machen. Und mit den Umständen nimmt es Leigh ziemlich genau. Er schwelgt geradezu darin: auf dem Markt liegen lächelnde Schweineköpfe, die später rasiert und gekocht auf dem Esstisch landen. In den weißen Stoffbahnen vor den Dachfenstern sammeln sich dicke tote Fliegen. Wenn ein Mann stirbt, trägt seine Witwe schwarze Trauerlitze an der Haube.

Wunderbar sind vor allem die Szenen in der royalen Akademie. Die wichtigste Kunstinstitution des Vereinigten Königreichs ist hier ein Haufen vorzugsweise alter Herren, die eifersüchtig überwachen, in welchem Raum und neben welchem Kollegen ihre Arbeiten ausgestellt werden. Turner verhunzt sogar ein eigenes Bild mit einem roten Klecks für einen bösen Spaß auf Kosten eines Rivalen.