Literaturverfilmungen haben es schwer. Wer schon die Vorlage nicht mochte, wird um die Adaption fürs Kino einen Bogen machen. Wem aber ein Roman gefiel, der bleibt nicht selten enttäuscht zurück, wenn der Abspann einsetzt. So hatte man sich die Hauptfigur nun wirklich nicht vorgestellt. Und die Nebencharaktere? Völlig am Buch vorbei. Die wohlfeile Erkenntnis: Kopfkino liefert stärkere Bilder als der profilierteste Filmemacher.

Die junge österreichische Regisseurin Anna Martinetz hat sich von derlei Gefahren nicht abschrecken lassen. Ihr Spielfilmdebüt, zugleich Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule, bedient sich bei Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else, erschienen im Jahr 1924. Martinetz beweist mit der Auswahl ihres Stoffes Mut, bleibt in dessen Umsetzung aber zu unentschlossen.

Leinenjackett statt Kalbsaugen

Else (Korinna Krauss) ist eine junge Frau aus gutem Hause, schlank, brünett, von leiser Melancholie. Ihre Ferien verbringt sie in Indien, spielt auf dem Hotel-Court Tennis mit ihrem Cousin Paul (Michael Kranz), der sie heftig umgarnt, lässt sich auf dem Rücken eines Elefanten durch den Dschungel führen. Doch das unbeschwerte Leben täuscht, in der Heimat droht der Familie Ungemach. Der Vater, ein Anwalt, steht wegen veruntreuter Gelder kurz vor der Verhaftung. Nur eine baldige Überweisung von 300.000 Euro würde ihn vor dem Gefängnis bewahren, so liest es Else von ihrer Mutter.

Nun soll die Tochter den wohlhabenden Familienfreund Dorsday (Martin Butzke) ums nötige Geld bitten, praktischerweise logiert er im selben Hotel wie sie. Dorsday erklärt sich tatsächlich bereit, die Schulden zu begleichen, stellt allerdings eine frivole Bedingung. Else soll sich ihm nackt zeigen, eine Viertelstunde lang in seinem Zimmer.

Das Handlungsgerüst von Schnitzlers Vorlage tastet Regisseurin Martinetz kaum an, allein ihr Setting erscheint im Gewand des 21. Jahrhunderts. Als potenter Europäer erholt man sich hier nicht mehr in den Dolomiten, sondern in Fernost, man mailt statt zu telegrafieren und aus dem Monokel tragenden, kalbsäugigen Kunsthändler Dorsday ist ein lässiger Enddreißiger im Leinenjackett geworden, der über die Profiteure der Finanzkrise sinniert.

Kein Versinken im Erzählfluss

Woran die Verfilmung krankt, ist ihr unentschlossener Umgang mit der Sprache. Entspringen die Dialoge in der einen Szene noch dem Wortlaut der 90 Jahre alten Novelle, unterhält man sich in der nächsten Einstellung schon im weit weniger elaborierten Jargon der Jetztzeit über einen Indien-Besuch Angela Merkels. Diese Mischung verhindert ein Versinken im Erzählfluss, so sehr man sich das mitunter wünscht, sie liefert vielmehr dauernde Irritationen.

Stanley Kubrick hatte sich 1999 in seinem letzten Film Eyes Wide Shut, der bislang populärsten Schnitzler-Verfilmung, für ein modernes New York als Ort der Handlung entschieden, zumal für eine ganz und gar zeitgemäße Sprache. Seine somnambule Interpretation der Traumnovelle bewies, wie universell das Thema außerehelicher Begierden im Ausklang des 20. Jahrhundert war, und vermutlich noch heute ist.