Es ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass eine Frauenfigur, die zwischen Furie und Mütterlichkeit oszilliert, zur Hauptattraktion eines Disney-Familienfilmes gekürt wird. Maleficent tut dies nun und macht die böse Fee in Dornröschen (im Englischen Maleficent) nicht nur zur titelgebenden Heldin, sondern besetzt sie auch noch mit der Heiligen der Hollywood-Familie, Angelina Jolie

Seit einigen Jahren versucht man im Hause Disney, klassisches Märchengut aufzupeppen und damit auch das eigene wertkonservative Image abzuschütteln. Die Animationsfilme Rapunzel – neu verföhnt (2010) und Die Eiskönigin (2013) rüsteten ihre weiblichen Hauptfiguren zu zupackenden Heldinnen und komplexen Charakteren auf. In der Realverfilmung Maleficent geht man nun noch einen Schritt weiter.

Robert Stromberg, der für sein Produktionsdesign in Avatar und Alice im Wunderland mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, umgibt die düstere Heldin mit einem stilvollen Noir-Setting, in das er immer wieder bunte fantastische Elemente einwebt.

Strombergs Titelheldin ist, wie jeder gute Bösewicht, eine tragische Gestalt. Die Hartherzigkeit der Magierin geht auf eine enttäuschte Liebe zurück. In Jugendjahren trafen sich Stefan (Sharlto Copley) und Maleficent über alle Reichs- und Gattungsgrenzen hinweg in den verwunschenen Wäldern hinter dem Moor. Aber die Gier auf den Königsthron macht den Geliebten zum Verräter. Er stiehlt Maleficents Flügel und machte sie damit zu seiner Feindin. Ihre Demütigung katalysiert Maleficent in Rache und Wut. Der verwunschene Märchenwald trocknet aus und wird zu einem grimmig-dornigen Ort der Finsternis. Traum- und Alptraumszenarien liegen hier sehr dicht beieinander.

Angelina Jolie kommt in dieser Umgebung bestens zur Geltung. Mit künstlichen Wangenknochen und kolorierten Kontaktlinsen wurde ihr Gesicht dem Look der alten Trickfilmfigur aus dem Disneyfilm von 1959 angepasst. Perfekt verschmelzen die ikonenhaften Züge und ihr statuarisches Wesen mit dem artifiziellen Entwurf der Fantasiefigur. 

Die wütende Matriarchin wird zur patenten Patentante

Aus der Sicht der bösen Fee erscheint die altbekannte Geschichte in einem etwas anderen Licht. Und nachdem sie den Fluch über das Baby ausgesprochen hat, verfolgt sie das Heranwachsen der Königstochter Aurora (Elle Fanning) im Exil mit wachsendem Interesse – wodurch das Märchen einen etwas anderen Verlauf zu nehmen beginnt.

Maleficent ist eine Figur, die Kinder dazu einlädt, das Böse nicht auszugrenzen, sondern sich mit ihm auseinanderzusetzen, es nicht nur als katalysierende Projektionsfläche für die eigenen Ängste zu nutzen, sondern dessen Motive und Wandlungsmöglichkeiten zu erforschen. Dass sich die wütende Matriarchin gegen Ende zur patenten Patentante entwickelt, klingt vielleicht etwas abgeschmackt, wird aber aus dem Märchenkontext schlüssig hergeleitet, ohne die machtvolle Ambivalenz der Figur zu beschädigen.