Vergangener Samstag, Köln und Cannes: Zwei türkische Männer stehen auf zwei Bühnen, beide ernten Applaus. Während Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan vor seinen Anhängern in Deutschland "den Westen" kritisiert, nimmt Nuri Bilge Ceylan an der Croisette den Hauptpreis des wichtigsten Filmfestivals der Welt entgegen. Erdoğan verteidigt in seiner Rede das Vorgehen der Polizei während der Proteste im Istanbuler Gezi-Park, Ceylan widmet seine Goldene Palme "den türkischen Jugendlichen, die im vergangenen Jahr ihr Leben verloren haben".

Die Gleichzeitigkeit beider Auftritte darf man als Sinnbild begreifen. EU-Annäherung oder Hinwendung zur islamischen Welt, Orientierung gen Westen oder Osten: Die Antworten auf die Frage nach der Zukunft der Türkei lauten auch im Land selbst höchst unterschiedlich. An der Filmlandschaft lässt sich diese Zerrissenheit gut ablesen.

Margit Lindner kennt das Kino des Landes ausgezeichnet, seit 25 Jahren veranstaltet sie in München mit dem Verein SinemaTürk die Türkischen Filmtage. Ihr Festival ist das älteste seiner Art in Deutschland, in jener Stadt, in der 1961 die ersten türkischen Gastarbeiter mit dem Zug aus Istanbul ankamen.

"In der Türkei gibt es sowohl Arthauskino als auch Filme für ein breites Massenpublikum", sagt Lindner. "Das Arthauskino ist westlich geprägt, das kommerziell ausgerichtete Kino bedient eine eher orientalische Ästhetik." Zwei Produktionen erreichten in den vergangenen Jahren eine größere Aufmerksamkeit in Deutschland. Der höchst umstrittene nationalistische Tal der Wölfe – Irak. Und die Komödie Recep İvedik, deren aktuelle Sequel im Februar auf Platz drei der deutschen Kinocharts landete. Und mit 540.000 Zuschauern der größten Publikumserfolg eines türkischen Films in deutschen Kinos überhaupt war.

Nationalstolz-Epen und Schnulzen

Auch unter den aktuellen türkischen Produktionen fänden sich "Nationalstolz-Epen", sentimentale und schnulzige Filme, sagt Lindner. Mit ihrem Festival versucht sie seit 25 Jahren, jegliche Klischees zu vermeiden und türkische Filmkunst zu zeigen.

Sucht man ästhetische Parallelen der jüngsten, preisgekrönten türkischen Produktionen, findet man sie am ehesten in der Schweigsamkeit und der Langsamkeit des Erzählens.

Der Cannes-Gewinner Ceylan porträtiert in Winter Sleep über mehr als drei Stunden einen ehemaligen Schauspieler, der moralische Artikel für die Lokalzeitung verfasst, in seinem direkten Umfeld aber tatenlos bleibt. Selbst die Jurypräsidentin Jane Campion gab zu, dass ihr die Länge des Films Angst gemacht habe. In ihrer Laudatio lobte sie den "wunderbaren Rhythmus" des Films und die ehrliche Zeichnung seiner Figuren. 

Ceylan war bereits vier Mal in Cannes ausgezeichnet worden, zuletzt 2011 mit dem Großen Preis der Jury für Es war einmal in Anatolien. In dem schwermütig erzählten Kriminalfilm lässt er ein Grüppchen Männer durch die Provinz fahren. Auf der Suche nach einer Leiche diskutieren Polizisten, ein Staatsanwalt und ein Arzt Banalitäten genauso wie große Lebensthemen.