Alternativlos – das Totschlagargument der Kanzlerin lässt diskursfreudigen (Zeit)-Genossen zu Recht die Halsschlagader anschwellen, aber hier ist es angebracht, ausnahmsweise: Um unserer aller Lebensgrundlage vorm Untergang zu bewahren, um selbst bescheidene Ziele von Klimaschutz über Tier- und Arbeitsrecht bis hin zur Gesundheit zu erreichen, gibt es nämlich in der Tat keine Alternative zur ökologischen Landwirtschaft.   

Und doch etabliert sich eine breite Front gegen jede Form biologischer Erzeugung, die als sinnlos, überteuert, schädlich, uncool, freiheitsberaubend, betrügerisch, oder als alles zusammen verunglimpft wird. Verbreiter solch dumpfer Kundenverblödung, von Bild bis Bauernverband, halten es fast genauso mit gewissenhafter Informationsverbreitung wie Nordkoreas Propagandaministerium. Wenn indes selbst vernunftbegabte Medien einen Keil zwischen Bauch und Hirn treiben, wird es haarig.
Zum Beispiel arte.


Am Dienstag lief dort zur besten Sendezeit eine Dokumentation zum Thema. Die Bio-Illusion nimmt das System nachhaltiger Lebensmittelproduktion ins Visier und torpediert es fortan aus allen Rohren. Auf der Jagd nach Schindludern kontrolliert biologischen Anbaus, kurz kbA, reist Christian Jentzsch um die halbe Welt. Sobald er welche findet, hagelt es Kampfbegriffe von Goldrausch bis Landräuber. Zeigt er dagegen jene, die es ernst meinen mit der sauberen Zukunft, stecken sie ihre Nase zu Kirmesmusik in wurmigen Mulch, als sei es Schokopudding. Bei Jentzsch gibt’s Bio nur in zwei Darreichungsformen: skrupellos oder skurril.

Er fischt im Trüben einer thailändischen Aquakultur, die für vermeintliche Bio-Garnelen zwar deutsche Fördergelder absahnt, aber herkömmlich die Umwelt verpestet. Er klettert auf die Alb, wo Bauer Jäckle, entnervt vom Metier, schwäbelnd sein Bio-Siegel abgibt. Er fliegt ans Mar del Plástico unter Südspaniens sengender Sonne, wo nachhaltiges Wohlstandsgemüse unter gigantischen Kunststoffplanen Tag für Tag das Grundwasser leer säuft. Der Reporter leistet also allerlei löbliche Basisrecherche und denkt dabei doch kürzer, als die gequälten Bioputen vorm Nachtsichtgerät einer Tierschutzguerilla fliegen können.

Es geht immer nur gegen den Hersteller, nie gegen den Konsumenten

Denn nicht einmal, nicht ein einziges Mal in 90 Minuten, wird die Tatsache auch nur angedeutet, dass selbst die nachlässigste Bio-Herstellung den Planeten immer noch weniger versaut als konventionelle nach den Buchstaben des Gesetzes. Jentzsch stellt zu Recht fest, dass die Tomaten unterm erwähnten Plastikmeer von Almería zwar alles andere als bäuerlich entstehen, unterschlägt aber, dass die normale Herstellung in Hollands Gewächshäusern ein Vielfaches an Energie und sonstigen Ressourcen kostet.

Vor allem aber nimmt er ausschließlich die Hersteller in Haftung. Wohl wissend, dass es doch die Konsumenten – also wir alle – sind, deren Konsum jede Nachhaltigkeit ad absurdum führt. Die Masse der Menschen will schließlich auch an Heiligabend frische Erdbeeren zum Tiefstpreis. Und wenn es eins der mehr als 100 Bio-Siegeln trägt – gern! Nur teurer darf es damit bitteschön nicht werden. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Wer Masse will, kriegt Masse. Vielleicht hätte der Autor das Wort "Verbraucher" also doch etwas früher als kurz vor dem Abspann erstmals kritisch erwähnen sollen.