Drängend zieht einen dieser Anfang in den Film hinein: Nachdenkliche, leicht erstaunte Gesichter in Interviewpose, die ratlos in die Kamera blicken. Schulterzucken. Spannungsreiche Musik. Dann die ersten Antworten: "unerschrocken" – "geheimnisvoll" – "exzentrisch" – ein zweites Mal: "exzentrisch". Wie war Vivian Maier? Ganz offenbar soll hier ein Geheimnis aufgedeckt werden.

Dokumentarfilme, die Menschen zum Thema haben, bewegen sich stets im Spannungsfeld von Nähe und Distanz, Neugier und Diskretion, Empathie und Voyeurismus. Wie ist der Blick der Kamera auf die gezeigte Person? Suggeriert der Filmemacher eine objektive Wahrheit oder macht er die subjektive Formung und Ausschnitthaftigkeit des Gezeigten deutlich? Wie viel Spielraum lässt die Kamera ihrem Objekt? Ein geglücktes Beispiel dieses anspruchsvollen Genres ist etwa Gerhard Richter Painting, der seine Stärke gerade daraus gewinnt, nicht nur die ausweichenden Antworten des Künstlers zu zeigen, sondern ebenso die Fragen der Filmemacherin.

Jeder Dokumentarfilm definiert damit immer eine Beziehung, nämlich die zwischen Blickendem und Angeblicktem. Für Finding Vivian Maier ist dieses Blickverhältnis gleich doppelt konstitutiv, denn die Porträtierte ist Fotografin – also jemand, der sich normalerweise gern hinter der Kamera versteckt. Doch nicht nur das: Vivian Maier, geboren 1926 in New York, gestorben 2009 in Chicago, arbeitete Zeit ihres Lebens als Nanny und hat keines ihrer schätzungsweise 150.000 Bilder je veröffentlicht.

Sie war, wiewohl schlagfertig und witzig, eine scheue Person, very private, und stets darauf bedacht, sich und ihr Werk vor Blicken zu schützen. Ein abschließbares Zimmer war ihre erste Forderung an neue Arbeitgeber. Und obwohl sie ihre schwere Rolleiflex bei den langen Spaziergängen durch die Stadt mit den Kindern permanent um den Hals trug, wusste angeblich niemand von ihrer obsessiven fotografischen Produktivität.

Doch dann, und so beginnt die Geschichte dieses Dokumentarfilms, ersteigert der Stadthistoriker und Immobilienmakler John Maloof 2007 bei einer Auktion in Chicago eine ganze Kiste voller Negative. Anstelle der gesuchten historischen Stadtaufnahmen findet er darin faszinierende Straßenfotografien aus den siebziger Jahren: Sie zeigen Kinder, Obdachlose, elegante Damen, den Inhalt von Mülltonnen.

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Der Name der Fotografin: Vivian Maier. Ihr Blick ist scharf und empathisch zugleich, die Ausschnitte sind mit großer Sicherheit gewählt. "Sense of humour, sense of tragedy – she had it all!", kommentiert die Fotografin Mary Ellen Mark. Maiers Bilder sind mit jenen der ganz großen Fotografiekünstler, mit Cartier-Bresson, Arbus und Atget, zu vergleichen. Neben den Straßenfotos hat sie wunderschöne, komplexe Selbstporträts geschaffen, auf denen sie in Schaufenstern, Autospiegeln, einem sich endlos verkleinernden Rundspiegel, dem Schatten auf einer Hauswand zu erkennen ist.

Es ist zweifellos das große Verdienst John Maloofs, die Bilder entdeckt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Früh stellte er zahlreiche Fotos online, die auf große Resonanz stießen, inzwischen hat er Bildbände in mehreren Sprachen veröffentlicht, weltweit Ausstellungen organisiert. Sein Leben widmet er nun der Aufgabe, "sie in die Geschichtsbücher eingehen zu lassen". Doch so ehrenwert sein Einsatz auch ist – muss er in Finding Vivian Maier als Regisseur nun unbedingt auch die Person hinter den Bildern zu enthüllen versuchen?